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Alles eine Frage der Ernährung

Sabine Pankau ist Veganerin und kämpft für eine bessere Welt – Weihnachtsmarkt geplant.

Von Marion Korth, 24.10.2012

Braunschweig. Sabine Pankau lehnt sich im Stuhl zurück, holt Luft. „Mann!“ sagt sie und scheint fast selbst erstaunt zu sein, wie viel und in welchem Tempo sie gerade erzählt hat. Auf die vegane Lebensweise angesprochen, ist sie kaum zu stoppen. Jetzt organisiert sie auch noch Braunschweigs ersten veganen Weihnachtsmarkt.

Keine Bratwürstchen, keine Schmalzkuchen, kein Glühwein, der mit Gelatine geklärt wurde. Sich vegan zu ernähren, bedeutet, nichts von Tieren zu essen. Nicht einmal das, was sie vermeintlich freiwillig hergeben, wie Eier oder Milch. „Die Menschen haben keine Vorstellung davon, aber eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb hat“, sagt Sabine Pankau. Nicht nur ein Kalb, sondern Kälber in jährlicher Folge, sonst sinkt die Milchleistung. Den Kreislauf von Ausbeutung und Massentierhaltung will sie durchbrechen.
Das hört sich alles nach schwerer Kost an, nach Verzicht, nach Freudlosigkeit. Bis der Blick auf die „Sahne“-Torte im Kuchenbuffet des veganen Cafés „Micky & Molly“ am Altewiekring fällt. Nichts, was sich nicht durch pflanzliche Lebensmittel ersetzen ließe. Wer’s nicht glaubt, den schickt Sabine Pankau nach nebenan in den veganen Mini-Supermarkt. Der wird kommerziell betrieben, anders als das Café, das als überwiegend ehrenamtliches Projekt des Vereins Tier Time den veganen Gedanken in die Welt trägt. Die leckeren Kuchen sind allein schon Überredungskunst genug, dazu kommen die Informationen, die einem den Appetit auf Grillhähnchen und Kalbsleberwurst sowieso verderben müssten.
„Ich bin von Sendungsbewusstsein durchdrungen“, sagt Sabine Pankau. Ausgerechnet eine Fleischfresserin setzte den Gedankenprozess in Gang, eine verwahrloste kleine Katze, die Sabine Pankau und ihrem Mann 2001 im Urlaub auf Madeira vor die Füße lief. Sie nahmen das Tier nach Hause mit und wunderten sich immer mehr über sich selbst: „Wie können wir dieses eine Tier so lieben, während uns das Schicksal aller anderen egal ist?“ Fleisch und Fisch kamen bei ihnen nicht mehr auf den Tisch. Seit fünf Jahren sind auch alle anderen tierischen Erzeugnisse bis hin zu Lederschuhen gestrichen. Eine Entscheidung mit globalen Ausmaßen: „Die Abholzung des Regenwaldes wäre kein Thema mehr, wenn wir alle auf Fleisch verzichten“, sagt Sabine Pankau. Flächenverbrauch als Folge des Fleischkonsums. Auf den gerodeten Waldflächen wird vor allem genverändertes Soja für die Tiermast angebaut, nicht Soja für Veganer. „Man braucht neun Getreidekalorien, um eine Fleischkalorie zu erzeugen“, erläutert sie. „Und 83 Badewannen voller Wasser für ein Kilo Rindfleisch.“ Dann zitiert sie ihren Mann, der irgendwo gelesen hat „Veganer dürfen Porsche fahren“ – weil sie der vielfachen Verschwendung an anderer Stelle abgesagt haben.
Vier Euro kostet der Liter vegane „Sahne“, nicht gerade günstig, aber wer braucht schon einen Liter Ersatz-Sahne? „Je mehr Menschen sich vegan ernähren, desto günstiger werden die Produkte“, sagt Sabine Pankau. Der vegane Aufschnitt, den es neu bei Aldi gibt, sei übrigens sehr lecker. Viele Produkte aus dem Supermarkt sind sowieso „aus Versehen“ vegan, ohne dass das besonders draufstünde. Schlau einkaufen und möglichst nichts wegschmeißen, würde die Kostenfrage relativieren. Die sei meistens ohnehin nur eine Ausrede, um das Thema für sich abzuhaken, ebenso die Meinung, ohne Fleisch und Milch droht gleich die Mangelerscheinung.
Wenn jemand Energie, Lebensmut und Entschlossenheit ausstrahlt, dann ist sie es. Das Klischeebild der ökobewegten Müsliesserin im wadenlangen Wollrock stellt Sabine Pankau bewusst auf den Kopf, ist ganz modebewusste Businessfrau, die nebenbei mit ihren blonden Zöpfen auch noch in einer Inga-Lindström-Verfilmung eine gute Figur machen würde.
Dann kommen wir doch noch einmal auf das Thema Verlust und Verzicht. „Die Abgrenzung ist ein bisschen das Problem“, sagt sie. Zur Grillparty kommt sie jedenfalls nicht: „Ich kann nichts essen, wenn neben mir jemand an einem toten Tier herumsäbelt.“ Und da sei noch ein Verlustgefühl: „Man kann nicht mehr so fröhlich sein, wenn man weiß, was in der Welt geschieht.“
Aber dann gibt es auch immer wieder den Ansporn. Der Verein Tier Time, dessen Vorsitzende sie ist, „wächst und wächst und wächst“. Immer mehr Städte, in denen vegane Märkte stattfinden. Cafébesucher, die aus purer Neugier ihren Kuchen kosten und nach Wochen als bekennende Veganer wiederkommen. Fühlt sie sich anderen Menschen moralisch überlegen? Sabine Pankau denkt kurz nach. „Ich gebe mir Mühe, besser zu sein, als ich vorher war, aber nicht besser als andere“, sagt sie dann.

Weihnachtsmarkt
Am 1. Dezember findet Braunschweigs erster veganer Weihnachtsmarkt statt. Veranstalter ist der Verein Tier Time, der auch schon zweimal das Vegan-Life-Festival in Braunschweig organisiert und den veganen Weihnachtsmarkt auch in anderen Städten mit ins Leben gerufen hat sowie das vegane Café „Micky & Molly“ am Altewiekring betreibt.
Von 10 bis 18 Uhr werden auf dem Platz am Ritterbrunnen vegane Köstlichkeiten weihnachtlicher Art angeboten wie Stollen, Waffeln, Crêpes, Torten, Glühwein, Zuckerwatte, Kekse, „CurryVurst“ und auch der „Royal Wheaty Döner“. Im Festzelt wird es Lesungen von Birgit Laqua, Musik von Soni Suette, Gesprächsrunden mit Stargast Björn Moschinski (Buchautor und Restaurantbesitzer in Berlin) geben. Vielleicht kommt auch Deutschlands stärkster Mann, Weltrekordhalter und Veganer Patrik Baboumian.
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