Anzeige

Absturz kann auch Mut machen

Zweieinhalb Stunden dauerte Christian Wulffs Besuch in Braunschweig. Foto: André Pause

Ex-Bundespräsident Christian Wulff stellte sein Buch „Ganz oben, ganz unten“ in der IHK vor.

Von André Pause, 30.07.2014.

Braunschweig. Etwa 200 Besucher kamen am Montag in den Kongresssaal der IHK, um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff bei der Präsentation seines soeben veröffentlichten Buches „Ganz oben, ganz unten“ zu erleben.

Es wurde ein weitestgehend harmonischer Abend. Zunächst las das einstige Staatsoberhaupt auf Station Nummer vier seiner Promotour – München, Stuttgart, Osnabrück, Braunschweig – Passagen aus der verschriftlichten Aufarbeitung seiner 598 Amtstage im Schloss Bellevue, anschließend talkte Wulff mit Armin Maus. Ausdrücklich „kein Streitgespräch“ wünschte sich der Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung.
Das gab es dann auch nicht. Bis auf die vereinzelt doch recht vehemente Kritik am Machtanspruch bestimmter Medien (namentlich Bild, Spiegel und F.A.Z.), bei der sich sein Groll erahnen ließ, sowie dem Vorwurf der Selbstgerechtigkeit in Richtung des Deutschen Presserates blieb Wulff betont sachlich. Er warb für eine „Neujustierung“ des Verhältnisses von Medien und Politik sowie eine sachliche Debatte.
Selbst begangene Fehler benennt Wulff – wie schon des Öfteren in der letzten Zeit – ohne Umschweife. So bereue er im Nachhinein die mangelnde Distanz zu nahestehenden Personen aus seinem niedersächsischen Netzwerk ebenso wie den Umstand, nicht sofort bei feststehender Kandidatur zum Bundespräsidenten von allen anderen Ämtern zurückgetreten zu sein. Und natürlich spreche man auch nicht in dieser epischen Breite auf eine Mailbox – „so gut das der eigenen Befindlichkeit in dem Moment auch getan haben mag“. Last, but not least räumte Wulff noch ein, dass es klüger gewesen wäre, über die Finanzierung des Hauses zeitiger Auskunft zu geben. Die nach seiner Auskunft 24 Mann starke Ermittlergruppe, die Nachforschungen bis ins Privateste angestellt habe, was schlussendlich in einer nicht weniger als 30 000 Seiten dicken Hauptakte gemündet sei, hätte er sich womöglich ebenso ersparen können, wie das „wochenlange Biwakieren“ der Reporter vor dem Privathaus in Großburgwedel.
Das fehlende Augenmaß der (niedersächsischen) Justiz mag Wulff beklagen, wie auch deren Weitergabe („Durchstechereien“) von Wasserstandsmeldungen an die Presse, das Ausmaß der Skandalisierung (auch nach dem Rücktritt) oder den Umgang mit seiner Person generell. Dass das Landgericht Hannover ihn am 27. Februar 2014 vom Vorwurf der Vorteilsnahme freisprechen würde, war aufgrund seiner salamitaktischen Aufklärung allerdings lange Zeit nicht klar. Insofern ist dem Mann zum Erfolg des Hinterher-klarer-Sehens sowie zu der Erkenntnis, dass die Bewältigung eines Absturzes auch Mut machen kann, fast schon zu gratulieren.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.