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„Abschied zur rechten Zeit“

Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann bekommt von seinem Nachfolger Ulrich Markurth zum Abschied einen Löwen. Foto: Susanne Hübner
 
Besonderer Gast: der chinesische Generalkonsul Yang Huiqun.
 
Viele Menschen wollten sich von „ihrem“ OB verabschieden.

Gestern verabschiedete sich Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann öffentlich aus seinem Amt.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 29.06.2014.

Braunschweig. „Alles hat seine Zeit“ – unter die Worte der Bibel stellte Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann gestern seinen Abschied im Städtischen Museum vor rund 300 Gästen.


„Ich passe so wie ich bin einfach nicht mehr zu diesem Amt“, sagte Hoffmann nach 13 Jahren als Oberbürgermeister in Braunschweig, „ich bin buchstäblich aus der Zeit gefallen.“
Vor allem junge Menschen würden sehr stark in einer vom Internet geprägten Welt kommunizieren, die ihm fremd bleibe. Zwar lebe auch er nicht hinter dem Mond und arbeite durchaus im Internet, aber zu Facebook oder Twitter („das fehlte gerade noch“) fehle ihm jeder Zugang.
„Und wenn ein Mensch an der Spitze einer Wissenschaftsstadt das sagt, dann passt er einfach nicht mehr in das Amt des Oberbürgermeisters“, stellte Hoffmann klar. Insofern komme der Abschied zur rechten Zeit.
Ein öffentlicher Abschied, ohne besondere Einladung. Familie, Freunde, Weggefährten, aber auch ganz normale Bürger, waren dabei.

Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann ließ zu seiner Verabschiedung im Lichthof des Städtischen Museums zunächst einen kurzen Film mit wichtigen Stationen aus seiner Amtszeit zeigen: 13 Jahre im Schnelldurchgang (siehe dazu die Zeitleiste unten). Dann gab es herzliche Worte von Ulrich Markurth, seinem Nachfolger im Amt. „Sie haben Braunschweig nachhaltig geprägt“, sagte er, große inhaltliche Debatten hätten zu gestalterischen Meilensteinen geführt, die weit in die Zukunft wirkten. „Sie sind gekommen als Preuße durch und durch“, fügte Markurth an, „und wir sind stolz darauf, dass Sie ein echter Braunschweiger geworden sind.“ Der „echte Braunschweiger“ zog weder eine Bilanz, noch gab es Empfehlungen oder Ratschläge. „Nein, kein Wort“, sagte Hoffmann, „auch in Zukunft nicht.“ Was er mitgeben könne und wolle, seien Buchempfehlungen: „Titel, die etwas über mein geistiges Fundament sagen.“
Beispielsweise De re publica – über das Gemeinwesen – des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero, der die Pflichten des Einzelnen gegenüber dem Staat thematisiere. „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ – das Zitat aus der Antrittsrede John F. Kennedys entspringe genau dieser Haltung. „Der Staat ist kein fremdes Wesen“, betonte Hoffmann, „es ist unser Staat.“
Vor diesem – seinem – geistigen Hintergrund, habe er es immer als besonders absurd empfunden, wenn Kritiker ausgerechnet ihn als Vorreiter der Privatisierung betitelt hätten. „Nie, never, würde ich die Hand heben, um wichtige öffentliche Aufgaben an Private zu übergeben“, erklärte er. Er habe immer Wert darauf gelegt, dass die Stadt ihren Einfluss über alle wichtigen Entscheidungen behalte.
Er stehe für eine Wirtschaft, eingerahmt von starken staatlichen Rahmenbedingungen, „für eine soziale Marktwirtschaft im Sinne von Ludwig Erhard, nicht für das freie Spiel der Kräfte.“
Am 31. Oktober 2001 habe er die Amtskette von seinem Vorgänger Werner Steffens bekommen, Montag übergebe er sie an seinen Nachfolger Ulrich Markurth. Hoffmann sprach „von der großen Geschichte dieser stolzen Stadt“, die das Fundament bilde und aus der sich eine besondere Verantwortung ergebe. „Sie werden dieser ganz besonderen Verantwortung gerecht“, wandte sich Hoffmann an Markurth. „Und ich wünsche Ihnen auch ganz viel Glück, Ihnen und unserer/meiner Stadt Braunschweig alles Gute.“
Denn das Glück sei ein ganz wesentlicher Bestandteil des Erfolges. „Ich habe so viel Glück gehabt in meinem Leben, dafür bin ich dankbar“, sagte er und dankte besonders seinen Kindern und seiner Frau Doris.
Und er bedankte sich bei den Braunschweiger Bürgern, „dafür, dass Sie mich gewählt haben, und vor allem dafür, dass Sie mich wiedergewählt haben. Da kannten Sie mich ja schließlich schon“, spielte er an auf die Kritik, dass er ein mitunter unbequemer und umstrittener Oberbürgermeister war. Streiten für die Sache sei gut und richtig, „und nur wer gar nichts tut, ist nicht umstritten“, sagte er.

Zeitleiste:

Am 23. September 2001 gewinnt Dr. Gert Hoffmann die Stichwahl gegen den SPD-Kandidaten Gernot Tartsch mit 57,4 Prozent der Stimmen.

März 2002: Der sogenannte Sparhaushalt – 20 Prozent Kürzungen für alles – wird von CDU und FDP mit einer Stimme Mehrheit (die von Dr. Hoffmann) verabschiedet.

Juli 2002: Mit großer Mehrheit werden 74,5 Prozent der städtischen Versorgungs-AG an den Energie-Konzern TXU verkauft, 2004 erfolgt der Weiterverkauf an Veolia. Insgesamt bringt der Deal 450 Millionen Euro.

Dezember 2003: Die Planungen für das Einkaufszentrum Schloss-Arkaden beginnen. Im Januar 2004 wird ein Bürgerbegehren dagegen vom Verwaltungsausschuss nicht zugelassen. Im Mai wird auch eine Klage vor dem Verwaltungsgericht abgewiesen.

Juli 2004: Der Bau der Schloss-Arkaden wird beschlossen, wieder mit einer Stimme Mehrheit.

Januar 2005: Braunschweig präsentiert seine Bewerbung zur Kulturhauptstadt in Berlin.

Juni 2005: Der Flughafen Braunschweig-Wolfsburg wird für 34,8 Millionen Euro ausgebaut.

März 2006: Braunschweig setzt sich gegen die Mitbewerber Aachen und Karlsruhe durch und wird „Stadt der Wissenschaft“.

September 2006: Wiederwahl. Dr. Gert Hoffmann setzt sich im ersten Wahlgang mit 58 Prozent gegen den SPD-Kandidaten Friedhelm Possemeyer durch.

2007/2008: Im März eröffnen die Schloss-Arkaden, im Mai wird die Eröffnung des Schlosses gefeiert. Im Oktober 2008 wird die von Richard Borek in Auftrag gegebene neue Quadriga auf der Schloss-Plattform montiert.

Juni 2010: Der Ausbau des Eintrachtstadions beginnt.

November 2010: Start für den Brawo-Park der Volksbank am Hauptbahnhof.

Februar 2011: Hoffmann lässt die erste Bürgerbefragung durchführen. Thema: weiterer Ausbau des Stadions. 60 Prozent Zustimmung.

April 2011: Eröffnung des Schlossmuseums.

Juni 2011: Die Kitagebühren werden abgeschafft.

September 2011: Die CDU verliert ihre Mehrheit bei der Kommunalwahl.

Juni 2012: Das Städtische Museum eröffnet nach der Renovierung.

Mai 2013: Eintracht steigt in die 1. Liga auf. Große Feier vor dem Schloss.

Mai 2013: Eröffnung des Themenjahrs 1913.

Januar 2014: VW-Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch wird Braunschweigs Ehrenbürger.

April 2014: Nach langer Bauverzögerung wird die Eröffnung der Wasserwelt für Juli angekündigt.

Juni 2014: Abschied von Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann.
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