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50 Jahre nB - „Ach, da sind Sie ja wieder“

Seit 30 Jahren nB-Austräger: Willi Lieb. Fotos: Ammerpohl
 
Willi Liebs Drahtesel wird mit den Zeitungspaketen zum Packesel.

Willi Lieb trägt seit 30 Jahren die nB aus und betreut zwei Gebiete – egal bei welchem Wetter.

Von Birgit Leute, 22. November 2014.

Braunschweig. Das kleine braune Fahrrad ächzt unter der Last. Doch Willi Lieb weiß, was geht und was nicht. Mit 38 Paketen an Bord zieht er schwankend los. Mehr als 700 Leser werden von ihm an diesem Nachmittag mit einer frisch gedruckten nB versorgt. Lieb ist Zeitungsausträger – und zuverlässig wie ein Uhrwerk.

Steingrauer Novemberhimmel, zehn Grad – kein Wetter um lange spazieren zu gehen. Doch für Willi Lieb ist es ein guter Tag: Mit beiden Händen in den Hüften steht der 59-Jährige in einer Garage am Mittelweg, wo die Fuhre des heutigen Tages auf den Zusteller wartet: Rund 38 Pakete mit je 20 nBs – sauber gebündelt und in Folie verpackt. „Wunderbar“, schätzt er schnell ab. „Da muss ich nicht zweimal gehen.“
Vor dem Austräger liegen an diesem Nachmittag sieben Stunden Arbeit. Zwei Reviere muss er versorgen. Das Gebiet rund um den Mittelweg ist erst vor kurzem hinzu gekommen.
Mit geübtem Griff packt Lieb Bündel für Bündel und hievt sie auf sein altes rostiges Fahrrad, das unter den Paketen und gelben Packtaschen fast verschwindet. „Der Rahmen ist neulich gebrochen, den habe ich wieder richten müssen“, lächelt Lieb. Ja, er könnte sich ein neues, größeres, moderneres kaufen, aber Lieb hängt an seinem Drahtesel, der ihn seit 30 Jahren treu auf seinen Austrägertouren begleitet. „Auf die modernen Dinger geht auch nicht mehr“, winkt er ab und setzt sich langsam und schwankend in Bewegung.
Für die nächsten Stunden heißt es 38 Mal: Paket greifen, Band auftrennen, Folie abziehen. Lieb schafft das inzwischen einhändig und braucht nur wenige Sekunden. Mit raschem Schritt geht er zu den Hauseingängen, faltet die Zeitungen – ebenfalls einhändig – und steckt sie in die Briefkästen.
Für die Villen, schmucken Einfamilienhäuser oder renovierungsbedürftigen Mietsblöcke hat der Austräger auf seiner Strecke keinen Blick. Was ihn interessiert, sind die Briefkästen: Liegen sie draußen oder drinnen? Klebt ein Schild mit dem Hinweis „Bitte keine Werbung“ darauf? Sind sie stabil aufgestellt oder müssen sie mit „Samthandschuhen“ angefasst werden, weil sie bei jeder Berührung gleich wanken? Lieb kennt sich inzwischen aus, eine Liste hilft ihm genaue Kundenwünsche zu berücksichtigen. „Manche wollen auf keinen Fall eine Anzeigenzeitung, manche gleich sechs Exemplare“, erzählt er.
Oft warten die Leute schon auf ihn. „Können Sie mir eine nB hoch reichen?“ Eine ältere Dame lehnt sich über einen Balkon im Erdgeschoss, im Arm ihren kleinen Hund. Klar, kann Willi Lieb. Mit einem kurzen und freundlichen „Bitte sehr“ hält er ein Exemplar hoch und bekommt ein warmes „Danke schön“.
Willi Lieb ist seit 30 Jahren Austräger und stolz darauf, nie krank gewesen zu sein. Auch Novembertage wie dieser schrecken ihn nicht ab. „Zehn Grad – das geht“, sagt der studierte Psychologe und Physiker. Unter den Jeans trägt er eine Skiunterhose. Zusammen mit Turnschuhen und seiner orangenen Outdoorjacke ist er bestens ausgerüstet. „Ich bin die ganze Zeit in Bewegung, da friere ich nicht“, sagt er während er den Mittelweg hoch mäandert, mal links, mal rechts der Straße die Häuser versorgt und geschickt um den dichter werdenden Feierabendverkehr herum manövriert.
Mit dem Austragen verdient Lieb kein Vermögen, aber für seine bescheidene Wohnung mit Toilette auf halber Treppe reicht es. Und: Er nimmt das Austragen ernst. Den Stapel Zeitungen einfach vor die Tür legen, wo sie beim Regen aufweichen und zerreißen – das kommt bei Lieb nicht infrage. Auch die Verpackung wird selbstverständlich in die richtige Tonne geworfen. „Ich stecke die Zeitungen immer so in den Briefkasten, dass sie ein bisschen hervorschauen aber nicht nass werden können. So wissen die Leute sofort: Die neue nB ist da.“ Lieb kennt auch die Anzeigenkunden, weiß wie wichtig es für sie ist, dass die Zeitung erscheint und ordentlich ausgetragen wird. Auf dem Nibelungenplatz wird er schon freudig erwartet: „Ach, da sind Sie ja wieder“, begrüßt ihn eine Geschäftsinhaberin strahlend. Über Liebs Gesicht huscht ein Lächeln. Es sind diese kleinen Momente, die ihn freuen: wenn er als „guter Geist“ wieder erkannt wird.
Nach drei Stunden ist für ihn die Tour vorbei. Brotzeit. Lieb fährt noch mit den leeren Packtaschen zum nächsten Revier und kramt dort erst einmal seinen Proviant aus dem rotweißen Beutel am Lenker.
Dann geht es wieder los – zur zweiten Runde an diesem Tag.
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