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15 Grad im Wohnzimmer …

Dicke Klamotten, Zusatzheizung, Kerzen und trotzdem: „Draußen ist es wärmer als hier drinnen“, sagt Veronika Ried, Mieterin in der Gabelsberger Straße 24. Fotos (3): T.A.
 
Eigentlich ein schönes Haus, aber drinnen liegt vieles im Argen, nicht nur, weil die Heizung abgestellt wurde. Auch Schäden wie diverse Wasserrohrbrüche wurden nicht mehr behoben. Im Treppenhaus sind Fenster kaputt. Foto: T.A.

… und die Bewohner bibbern – Erbstreitigkeiten auf dem Rücken der Mieter ausgetragen.

Von Marion Korth, 13. November 2015.

Braunschweig. Die Situation ist verfahren, kaum zu durchblicken. Kurz gesagt geht es um ein Haus, Streitigkeiten zwischen ehemaligen und neuen Eigentümern, nicht gezahlte Nebenkosten, eine abgestellte Heizung und Mieter, die die Leidtragenden sind. Seit sechs Wochen bleiben die Heizungen in ihren Wohnungen kalt, auch warmes Wasser kommt nicht mehr aus den Hähnen. Die Mieter werden vertröstet, bekommen die Verantwortlichen nicht zu fassen, die Anrufe der nB laufen ebenfalls ins Leere.
Eine Mieterin in der Gabelsberger Straße 24 lädt die nB zum Hausbesuch ein. „Das ist kein Zustand hier“, sagt sie und denkt dabei an die Mutter, die mit vier kleinen Kindern in einer Nachbarwohnung lebt. Die Zimmer sind ausgekühlt, die eigenen Stromkosten explodieren, seitdem sie sich mit Zusatzheizung und Wasserkocher behelfen muss. Die Frage ist: Was können die Mieter machen?

Daunenweste, Poncho und Halstuch – dabei will Veronika Ried gar nicht zum Einkaufen gehen, sondern es sich eigentlich nur in ihrem Wohnzimmer „gemütlich“ machen. Das ist derzeit schwierig: Die kleine Zusatzheizung – Leihgabe einer Arbeitskollegin – läuft, aber das Zimmer wird nicht warm, da helfen auch fünf Kerzen nichts. 15,5 Grad hat Veronika Ried als Raumtemperatur für diesen Tag mit Foto dokumentiert. Geradezu kuschelig im Vergleich zur Wohnung darüber. „Wir haben 12,6 Grad im Wohnzimmer“, sagt die Obermieterin. Und: „Meine Nerven liegen blank.“
BS-Energy als zuständiges Versorgungsunternehmen hat Ende August Strom und Gas abgedreht. Betroffen sind nicht die einzelnen Wohnungen, sondern der Hausanschluss. Im Treppenflur ist es seitdem dunkel, vor allem aber funktioniert keine Heizung mehr. Die Bewohner bibbern. Bis zur Abstellung waren mehr als 6500 Euro an offenen Forderungen aufgelaufen. „Wir haben die Nebenkosten immer bezahlt“, versichert Veronika Ried. Trotzdem sitzt sie wie die anderen im Kalten. Die geleisteten Zahlungen seien seit September 2014 nicht oder nur unregelmäßig weitergeleitet worden, ergaben die Ermittlungen der Polizei, nachdem mehrere Mietparteien sich entschieden hatten, Anzeige zu erstatten. Die Eigentümer- und Verwaltungsverhältnisse seien verworren, Erbstreitereien zwischen (ehemaliger) Eigentümerin und Hausverwaltungsfirma wohl der Grund, dass die Zahlungen nicht geleistet worden sind. „Es geht um den Verdacht, dass Nebenkosten unterschlagen worden sind“, erläutert Polizeipressesprecher Wolfgang Klages. Auf Mahnungen sei nicht reagiert worden. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig bestätigte den Eingang der Akte. „Das wird nun ernsthaft geprüft“, sagt Klaus Ziehe. Unabhängig davon, wie mit der Anzeige verfahren wird, den Mietern ist damit nicht geholfen. Sie fühlen sich im Stich gelassen, obwohl sie ihren Pflichten nachgekommen sind. Schon oft wurden sie vertröstet, dann hieß es, das Haus sei verkauft worden, dann sollte eine neue Verwaltungsfirma die Geschäfte übernehmen, passiert sei nichts.
Gäbe es bezahlbare Wohnungen, sie wären längst ausgezogen. „Als nächstes werden sie uns wohl das Wasser abstellen“, vermutet ein Bewohner. Veronika Ried ist vorbereitet, bringt keine großen Pet-Flaschen mehr zum Pfandautomaten, sondern sammelt sie mit Leitungswasser gefüllt im Nebenzimmer …
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„So etwas kommt sehr, sehr selten vor“

Stellungnahme von BS-Energy – Und das rät der Mieterverein in solchen Fällen

Braunschweig (mak). „Tragisch, aber nicht unlösbar“, so ordnet Timo Sass, Geschäftsführer des Mietervereins Braunschweig den Fall Gabelsberger Straße ein.
Seine Empfehlung: „Zunächst sollten die Mieter den oder die Vermieter in Verzug setzen. Das bedeutet, die Vermieter schriftlich aufzufordern, die Energieversorgung unverzüglich wieder herzustellen und sich eine Mietminderung und den Einbehalt der entsprechenden Heizkostenvorauszahlungen vorzubehalten. Parallel sollte der direkte Kontakt zu BS-Energy aufgenommen werden und dort angefragt werden, ob gegebenenfalls eine Übernahme der Anschlüsse durch die Mieter die Versorgungssperre beendet. Die Mieter könnten sich nach erfolglos abgelaufener Fristsetzung als Gemeinschaft zusammenschließen und die Heizkostenvorauszahlungen von der Miete einbehalten und die Abschläge direkt bei BS-Energy bezahlen. Dann würde die Versorgung wieder hergestellt werden. Dafür bedarf es aber einer guten Gemeinschaft, die an einem Strang zieht und gegebenenfalls eines Mieters, der die Anschlüsse auf seinen Namen anmeldet und die Vorauszahlungen der übrigen Mieter erhält. Dieses Vorgehen sollte den Vermietern dringend schriftlich mitgeteilt werden.“
BS-Energy will sich aus Datenschutzgründen zu dem konkreten Fall nicht äußern. „So etwas kommt sehr, sehr selten vor“, sagt Simona Westhoven, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. BS-Energy nehme bereits lange vor der Sperrung Kontakt zu allen Parteien (Mieter, Vermieter, Verwaltung, etc.) auf. Wichtig sei dann, dass die Mieter als geschlossene Gemeinschaft vorgehen und sich Rechtsbeistand (zum Beispiel Mieterschutzverein) holen. Die Zahlung kann auch durch die Mieter erfolgen, jedoch sollten sich diese im Klaren darüber sein, dass sie das Geld für den Vertragspartner (den Vermieter) zahlen und dass eine Rückzahlung der vom Mieter gezahlten Beträge allenfalls durch diesen in Betracht kommt.
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