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Zwischen Hunger und Klischee

Der Tuareg Toujani ist zu Gast im Naturhistorischen Museum und berichtet aus dem Niger.

Von Birgit Leute, 18.11.2012.


Braunschweig. Ein Seufzen geht durch den Raum – und Toujani Abdoulkader lächelt. Er kennt die Reaktion: „Wenn ich meinen Straßenanzug trage, bin ich ‚nur‘ ein Farbiger. In meiner traditionellen Tracht aber das Sinnbild für Freiheit und Stolz“, sagt der Tuareg aus dem Niger.

Noch bis heute, 17 Uhr, ist Toujani zu Gast in der Ausstellung „Elefantenreich“, die das Staatliche Naturhistorische Museum im Rebenpark zeigt. Ein Hingucker im kobaldblauen wehenden Gewand und schneeweißen Turban. Doch: Toujani ist nicht als touristische Attraktion nach Braunschweig gekommen.
Der Kunsthandwerker verkauft feinen Silberschmuck für eine Kooperative – und finanziert damit nicht nur seine Familie und die der anderen Kunsthandwerker, sondern auch die Schulen in der Wüstenregion.
„Niger ist ein armes Land“, weiß Museumsdirektor Ulrich Joger. Für ihn ist Toujani ein alter Bekannter. Als Gegenleistung für ein Dinosaurierskelett, das Mitarbeiter des Museums 2007 im Niger geborgen haben, förderte die Volkswagenbank und die Lotto-Stiftung ein zweisprachiges Schulprojekt.
„Die Tuareg mussten schon immer dafür kämpfen, dass ihre Sprache und ihre Kultur anerkannt wurde“, sagt Joger. Zum Glück, so Toujani, habe sich das in Niger mittlerweile gebessert. „Mit den jüngsten Wahlen wurde ein Tuareg Premierminister. Seitdem gibt es zumindest im Norden bilinguale Schulen.“
Trotzdem: Das Leben für den 42-Jährigen ist alles andere als leicht. „Im Niger herrscht derzeit eine große Hungersnot. Die Kooperative, für die ich arbeite kümmert sich deshalb im Moment vor allem darum, dass die Schüler etwas zu essen haben.“
Und dann, sagt er, sei da auch die Angst vor den Unruhen in Mali. Rund 10 000 Tuareg sind bereits aus dem Nachbarland geflüchtet, in dem radikale Islamisten für Angst und Schrecken unter der Nomadenbevölkerung sorgen. „In vielen Orten gibt es Lager, in denen die Tuareg eine Zuflucht gefunden haben“, erzählt Toujani. Natürlich fühle er mit ihnen, „sie sind meine Brüder“, sagt er. Aber er hat auch Angst, dass die Unruhen in Mali in sein Land überschwappen. „Für die Islamisten gilt nur noch das Gesetz der Scharia, das nichts mit unserer Lebensweise zu tun hat“, sagt Toujani. Schon jetzt, fügt Ulrich Joger hinzu, müssten sich die Frauen der Tuareg verschleiern, verlören das Recht auf das Haus. „Man kann nur hoffen, dass sich die Lage durch die Intervention der westafrikanischen Staaten und der UN bessert.“
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