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Zwangsjacke für den Verstand

Jan Neumanns „Vom Ende der Glut“ feierte Premiere im U 22 – Regiedebüt von Lisa Kempter

. Von André Pause, 20.05.2012

Braunschweig. Jan Neumann muss nach der Premiere seines Stückes „Vom Ende der Glut“ im U 22 des Staatstheaters ein recht glücklicher Mensch gewesen sein.
„Wenn es berührt, egal wie, egal in welcher Form, egal ob es mich wütend, froh, traurig, klug macht“, gab der Autor und Regisseur im Programmheft-Interview auf die Frage zu Protokoll, wann Theater ihn glücklich mache.

Lisa Kempter hat den Stoff, dem die Medea-Tragödie zugrunde liegt, bei ihrem Regiedebüt in einer Form auf die Bühne gebracht, die eine ganze Reihe von Gefühlszuständen satt benetzt.
Es beginnt situationskomisch, mit viel Tempo und Witz. Der aufgrund einer Autopanne in Russland gestrandete Ostberliner Erich (Oliver Simon) sucht Hilfe im nahgelegenen Dorf, doch sowohl die junge Maria als auch deren Großeltern (Marianne Heinrich und Andreas Bißmeier) gucken etwas dumm aus der Wäsche. Einerseits hängen sie gerade welche auf, zum anderen verstehen sie kein Wort Deutsch. Lächelnd reden sie aneinander vorbei. Erich: „Auto kaputt!“ Maria: „Moskau, immer geradeaus!“
Alle vier Schauspieler erzählen die sukzessive düster werdende Geschichte parallel zum Spiel – flüssig und schlüssig: Wie Maria den Erich hoffnungsvoll nach Deutschland begleitet, zunächst nach Berlin, dann nach Süddeutschland. Wie sie schwanger wird und er ein trinkender Arbeitsloser. Wie sie im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Erbrechen schuftend versucht, die verschuldete Familie zu retten, während er sie mit der Nachbarin betrügt. „Wenn Du ficken kannst, kann ich gehen, es gibt kein Uns mehr“, sagt Maria schließlich konsterniert.
Das bildstarke Ende ist auf stille Art und Weise laut. Rika Weniger als Maria streift sich monologisierend ein Shirt nach dem anderen über. Jedes Kleidungsstück wird zu einem Mehr an Enge und Verzweiflung, zur Zwangsjacke für den klaren Verstand. Das Ende der Glut macht die Verstoßene, wie Königstochter Medea, zur Mörderin der eigenen Kinder. Dass der Schluss narrativ still gestaltet wird, macht die Sache fast noch unheimlicher.
Verdientermaßen kräftig fällt der Applaus aus, der für das Regieteam um Lisa Kempter noch stärker ausfällt als für das Ensemble. Weitere Vorstellungen gibt es am heutigen Sonntag, am 24. Mai, 13. Juni (jeweils 20 Uhr) sowie am 30. Juni um 21 Uhr.
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