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Zeitreise in Gliesmarode

Theater Zeitraum feierte Premiere mit „Vier Tage im Mai“ – Noch vier Vorstellungen.

Von André Pause, 02.06.13

Braunschweig. Die braunen Holzstühle um die kleinen Tische im ausverkauften Theatersaal der Gaststätte Gliesmaroder Thurm stehen dicht an dicht. Es sind dieselben wie im Zuschauerraum, womit dieser zur Verlängerung der Bühne wird. Und die Besucher der Premiere von „Vier Tage im Mai“ zu Mitinsassen der Gaststätte im Stück, der aktuellen Produktion des Theaters Zeitraum, ein Beitrag zum Themenjahr.

Wie die Rahmenbedingungen vermuten lassen, dreht Regisseur Gilbert Holzgang das Rad der Zeit monatsgenau um 100 Jahre zurück. Ein Wirt, eine Kellnerin, eine Klavierlehrerin und ein Journalist bilden eine stammtischähnliche Konversationsgruppe. Ausgangspunkt der zum Teil konfliktträchtigen Debatten zu lokal- bis weltpolitischen Themen ist die bevorstehende Hochzeit von Prinzessin Victoria Luise und Herzog Ernst August in Berlin.
Die Frage, ob das aus Landesmitteln angeschaffte Diadem der Vermählungswilligen nun angemessen ist oder nicht, beschäftigt die Wirtshausgäste. Die unmittelbar darauffolgenden, aus zwölf verschiedenen Zeitungen aufgegriffenen Gesprächsthemen lauten: Rechte der Frau, Spargelproduktion und Rüstungsvermehrung. Dabei haben die anonym gehaltenen Protagonisten im Mai 1913 durchaus unterschiedliche Ansichten. Zwei Koalitionen lassen sich ausmachen: Die über den Tellerrand der kleinen Großstadt Braunschweig hinausblickende Kellnerin, die beim Polieren der Messer für die Ideen der Suffragetten in En-garde-Stellung geht, kann sich mit den Sehweisen des arbeitskämpfenden und sozialdemokratischen – damals noch kein Widerspruch – Journalisten zwangsläufig eher anfreunden, als mit den Positionen des energischen monarchiebeseelten Wirtes (Jürgen Beck-Rebholz). Dieser wiederum findet Einstellungs-Schnittmengen mit der opernliebhabenden Klavierlehrerin.
Aufgelockert wird der narrativ konzipierte Abend, der in der bibbernden Vorausahnung des Ersten Weltkrieges mündet, durch zahlreiche musikalische Einsprengsel. So interpretiert „Kellnerin“ Kathrin Reinhardt kokett Claire-Waldoff-Chansons wie „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt“, „Journalist“ Björn Jacobsen widmet sich ironisch-politischem Liedgut und die „Klavierlehrerin“ , Mezzosopranistin Friederike Kannenberg, singt „Träume“ aus Richard Wagners Wesendonck-Liedern und Giuseppe Verdis „Stride la vampa“.
Die Besucher sind begeistert und spenden kräftigen Applaus für einen klingenden Theaterabend, der die konträren Facetten der damaligen Zeit humorvoll und vielschichtig widerspiegelt. Die Termine: 6., 7., 14., 15. Juni.
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