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Wunderbar getimter Slapstick

Nackter Wahnsinn: Schauspieler spielen Schauspieler. Foto: Volker Beinhorn

Michael-Frayn-Komödie „Der nackte Wahnsinn“ im Großen Haus des Staatstheaters begeistert.

Von André Pause, 22.01.2014.
Braunschweig. Ein toller Theaterabend ist, wenn Zweistundenfünfundvierzig wie im Fluge vergehen, und man glaubt, sich an der urkomischen Darbietung noch eine ganze Weile länger hätte erfreuen können. Die Premiere von Michael Frayns Komödie „Der nackte Wahnsinn“ im Staatstheater begeisterte.

„Ich bin nicht hierhergekommen, um mir die Probleme anderer Leute anzuhören. Ich bin gekommen, um abzuschalten und nach Möglichkeit nicht wieder angeschaltet zu werden“, hat Frayn in Zusammenhang mit seinem Werk selbst einmal gesagt. Regisseur Nicolai Sykosch gelingt mit seiner aktuellen Inszenierung im Großen Haus jedoch weit mehr als ein Stück Zerstreuung, das seine Raison d‘être allein aus Tür-auf-Tür-zu-Spiel bezieht. Der Klamauk als Selbstzweck wird in dieser meisterlich getimten, slapstickgeprägten Satire, die das Theater hinter dem Theaterbetrieb zum Thema macht, auf Distanz gehalten, das Klischee weiß Gott nicht verleugnet, aber eben auch nicht überstrapaziert.
Generalprobe, Premiere und 87. Vorstellung heißen die drei Stationen von „Nackte Tatsachen“, jenem Stück im Stück, welches das Ensemble unter widrigsten Bedingungen zusammen bestreitet. Dabei geht um eine Immobilie, in die sich fast gleichzeitig eine Handvoll Leute zurückziehen, um allein oder zu zweit zu sein, was selbstverständlich nur gelingen kann, wenn die vielen Türen in ausgeklügelter Folge öffnen und schließen.
Doch schon im knappen Probenprozess herrscht Uneinigkeit. „Sardinen rein, Sardinen raus – das ist die Farce, das ist Theater, das ist Leben“, glaubt Regisseur Loyd Dallas, den Oliver Simon als angespannt-cholerisches wie selbstverliebtes Selfmade-Genie gibt. „Die Sardinen machen uns fix und fertig“, entgegnet dagegen Garry Lejeune/Roger Tramplemain, mit Nase nach oben gespielt von David Kosel, und spricht damit wohl auch für die anderen fünf Schauspieler, die so ihre eigenen nicht unbedingt deckungsgleichen Vorstellungen in puncto Figurenmotivation und Handlung haben. Ausbaden müssen die Fehler im System nicht selten der ohnehin schon völlig durchnächtigte Inspizient (Mattias Schamberger) und die recht wirre Regieassistentin, die in Gedanken immer eher bei ihrem Chef ist, als im Ablauf (Rika Weniger).
Die Figuren in Sykoschs Spiel sind auch sonst klar gezeichnet. Das begünstigt die Steigerung des Spieltempos, alles passt. Martina Struppek ist im Binnenstück die omnipräsente Haushälterin, verkörpert von einer immer leicht überdrehten und mit allen Theaterwassern Gewaschenen, Moritz Dürr rafft als tollpatschiger Routinier in der Rolle des Steuerflüchtlings nur das nötigste, Wiltrud Steiner spielt dessen agile Gattin, Andreas Bißmeier gibt einen herrlich verpeilten Einbrecher-Darsteller, Ursula Hobmair ist die naive Blonde an der Seite des Blenders, mit Hang zur Hysterie und spitzem Schrei.
Im zweiten Akt der Frayn-Komödie findet die Premiere von „Nackte Tatsachen“ statt. Der Blick geht auf die Hinterbühne. Die zwischenmenschlichen Beziehungen haben bis hierhin heftig gelitten: Eifersucht, Liebeskummer und Intrigen bestimmen die Szene. Große und kleine Gemeinheiten allenthalben. Hier wird die Kulisse zur Trennwand zwischen Schein und Sein. Faszinierend und unheimlich zugleich, zu sehen, wie Gefühlszustände, weil Funktionieren angesagt ist, ad acta gelegt werden, wenn die Türen zur Bühne durchschritten werden.
Zum Schluss, die Kulisse ist wieder in Ausgangsposition, läuft die 87. Vorstellung des Boulevardstücks. Nichts geht mehr zusammen. Die Schauspieler schlampen komplett, die Dialoge: im Scheiß-drauf-Duktus. Was jetzt hinter der Bühne zwischenmenschlich los sein mag, möchte man wissen – vielleicht aber auch lieber nicht ... Langer, tosender Applaus und Bravos für ein wahrlich komisches und wahnsinniges Stück. Weitere Infos: www.staatstheater-braunschweig.de .
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