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Wo das Eis nicht tiefgekühlt ist

Fomo Tatah aus Kamerun schätzt die Ehrlichkeit der Deutschen und hasst Zeitdruck.

Braunschweig (ht), 16.05.10

„Ich habe Schnee vorher nur auf Fotos gesehen. Ich wollte wissen, ob das Eis genauso ist, wie das im Kühlfach“, sagt Fomo Tatah. Der deutsche Winter lieferte der Kamerunerin in diesem Jahr den besten Anschauungsunterricht.

Allerdings hat sich die 30-Jährige schon länger an fröstelige Temperaturen gewöhnen können. Seit 2001 lebt sie in Deutschland. „Ich liebe den Schnee – beim Blick durch das Fenster“, sagt sie und lächelt. Die vier Jahreszeiten hat sie ebenfalls schätzen gelernt. In ihrer Heimat gibt es nur Regen- und Trockenzeit.
Kalt ging es auch in ihren ersten Monaten in Deutschland zu. Unabhängig vom Klima. „Die Menschen waren kühl hier“, sagt Fomo Tatah. An den Nachbarn habe man das besonders gemerkt. Keiner grüßte. Keiner lud ein. Jeder war für sich.
Inzwischen hat sich das geändert. Die Studentin hat nicht nur den Studiengang gewechselt – von Außenwirtschaft zu Sozialarbeit. Sie kam über Dortmund und Reutlingen vor drei Jahren nach Braunschweig. An die deutsche Mentalität hat sie sich gewöhnt. Die Menschen hier seien einfach nur unsicher beim Zugehen auf andere, hat sie festgestellt.
Was sie jedoch gut findet: „Die Deutschen sind immer ehrlich. Wenn dich hier jemand nicht mag, dann zeigt er dir das auch.“ Heuchelei und ein unerträgliches Maß an aufgesetzter Freundlichkeit? Nichts dergleichen.
Fomo Tatah ist ein Mensch, der gerne Kontakte knüpft. „Je größer das Netzwerk, desto leichter das Leben“, bringt sie ihre Einstellung auf eine einfache Formel. Doch wer Kontakte aufbauen will, muss die Sprache beherrschen. Für die Afrikanerin ist das kein Problem mehr. Um das Visum zu bekommen, hatte sie in Kamerun einen Sprachkurs absolvieren müssen. Hier machte sie weiter. Das Ergebnis ist beeindruckend.
„Ich lese deutsche Zeitungen und Literatur für mein Studium. Und die Bibel“, sagt die gläubige Christin. Die Integration ist geglückt. Nur während der Lehrveranstaltungen in der Fachhochschule ärgert sie sich manchmal. „Es traut sich keiner, neben mir zu sitzen“, sagt sie. Bei Referaten und Hausarbeiten findet sie schwer einen Arbeitspartner. Vermutlich, weil die Kommilitonen ihre sprachlichen Fähigkeiten unterschätzen.
Ein Wort hat sie auch in seiner Bedeutung erst in Deutschland gelernt: Stress. „In Deutschland stehen alle immer unter Druck. So sehr, dass man denkt, die Leute platzen gleich“, erzählt Fomo Tatah. Das kenne sie aus Kamerun nicht. „Da ist alles locker. Ich muss mir keine siebenstelligen Pin-Nummern merken und auch nicht zu einer bestimmten Zeit zur Bushaltestelle hetzen. Überall stehen Taxis rum.“
Sie selbst hat ihren Weg gefunden und versucht, sich vom Strom der Schnelllebigkeit nicht mitreißen zu lassen. In anderen Dingen hat sie sich angepasst. In Reutlingen aß sie Spätzle und Maultaschen, in Braunschweig darf es auch mal ein heimisches Bier sein.
Im nächsten Jahr möchte Fomo Tatah das Studium abschließen. Ihr Wunsch: für eine Hilfsorganisation oder in der Migrationsberatung arbeiten. Dann würde auch ihre achtjährige Tochter nach Braunschweig kommen. Sie wächst bei den Großeltern in Kamerun auf. „Wir vermissen uns“, sagt die Mutter. Sehnsucht ist eben in allen Kulturen gleich.
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