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"Wir haben gewonnen!"

Vier Acts auf wechselnden Bühnen gab es beim Move On Up, dem Festival im Movimentos-Festival im Wolfsburger Hallenbad. Fotos: André Pause
 

Get Well Soon spielen perfektes Popkonzert beim Festival Move On Up im Wolfsburger Hallenbad

Von André Pause

Wolfsburg. Irgendwie ist das komisch: Da spielt die Band Get Well Soon als Headliner des Movimentos-Festivalablegers Move On Up ein in jeder Beziehung sagenhaftes Konzert, und kaum sind die letzten Töne verklungen, ist der Konzertort Hallenbad im Schachtweg auch schon nahezu menschenleer.

Kein Revuepassierenlassen, kein Nachschmecken und Diskutieren des dargebotenen immerhin gut viereinhalbstündigen Programms der gemeinsam eingeflogenen Besuchergruppen beim Abschlussbier. Stattdessen: aus, raus, nach Hause.

Überhaupt ist die Stimmung ein wenig unterkühlt (und das bei subtropischen Temperaturen im Springerbecken), was zum einen am beinahe aseptischen Rahmen des eigentlich popmusikalisch orientierten Abends liegen mag. Zeitgeistig geschniegelte, in Livrees gesteckte Servicekräfte mögen heutzutage an der Tagesordnung sein, kontrastieren und reduzieren aber eben auch den Rebellions- und Rockfaktor einer jugendlicher, subkultureller und urbaner als das Hauptprogramm gedachten Veranstaltung.
Zum anderen gibt es – ersichtlicher als in den beiden Vorjahren– eine Kluft zwischen dem traditionell sorgsam kuratierten Musikprogramm (die Headliner 2013 und 2014 waren Sophie Hunger und Jochen Distelmeyer) und einem noch einmal erwachsener gewordenen Publikum. Mismatch nennt man das wohl.

Die Qualität der gespielten Sets mindert das freilich nicht. All We Are aus Liverpool mögen dem Genre des rhythmusorientierten Synthie Pop mit Falsettgesang (die Referenzen The XX, Wild Beasts und Robin Gibb sind unüberhörbar) kaum Bahnbrechendes hinzufügen, gehen aber vor allem dann galant ins Ohr, wenn das Mischpultpersonal seine lichten Momente hat. Das Buttering Trio gefällt mit einer Show, die stimmungsvoll Dub-, Soul-, Funk- sowie Pop-Elemente verbindet. Und Get Well Soon liefern einen anderthalbstündigen bis zum Album „Vexations“ zurückreichenden Querschnitt ihres Schaffens, ein nicht nur soundtechnisch perfektes Popkonzert, das im enigmatisch treibenden „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“ seinen Höhepunkt hat.

Darüber hinaus schmeißen sich die Künstler ihrerseits kräftig in die Kurve, suchen in immerhin drei von vier Fällen auffällig offensichtlich Anknüpfungspunkte zu Stadt, Festival und Publikum. So wählt Violinist Iskandar Widjaja, der erste klassische Künstler im Rahmen von Move On Up, mit „Erbarme Dich“ aus Bachs Matthäus-Passion seinen Auftrittsschlusspunkt ganz im Sinne des Autostadt-Jahresthemas „Frieden“, der All-We-Are-Drummer erinnert sich an die Zeit, als sein Vater noch im nahe gelegenen Volkswagenwerk arbeitete und Konstantin Gropper, kreativer Kopf der Band Get Well Soon, kommentiert die gerade beendete Bundesligapartie des VfL Wolfsburg gegen Borussia Dortmund mit den Worten „Wir haben gewonnen!“

Fazit: Das Engagement der Kuratoren und Künstler des Move On Up hätte insgesamt etwas mehr Besucher und vor allem eine enthusiastischere Rezeption verdient gehabt. Manch einem Besucher aus Braunschweig mag bei aller dargebotenen musikalischen Klasse ohnehin das Herz geblutet haben, markierte das Line-up des Festivals in Auszügen doch genau jenen relevanten popkulturellen Mittelbau, der im Veranstaltungskalender der Löwenstadt schon seit Jahren kaum mehr eine Rolle spielt.
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