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„Wir finden es super, zehn Songs auf einmal rauszuhauen“

Richard Pappik (Schlagzeug), David Young (Bass), Sven Regener (Gesang, Gitarre, Trompete) und Jakob Ilja (Gitarre, v.l.) sind Element of Crime. Foto: Charlotte Goltermann

Mit Element of Crime schreibt Sven Regener seit mehr als 30 Jahren Musikgeschichte.

Von André Pause, 09.08.2016.

Sage und schreibe elf Jahre ist es her, dass Erfolgsautor („Herr Lehmann“) und Musiker Sven Regener mit seiner Band Element of Crime in Braunschweig aufgetreten ist – im damaligen Jolly Joker. Am 22. September (20 Uhr) gibt es ein Wiedersehen – dieses Mal bei Kultur im Zelt. Vorab hat sich André Pause mit Sven Regener unterhalten, unter anderem über passende Auftrittsorte, das Album als künstlerisches Format und Musik-Flatrates.

? Herr Regener, Sie waren mit Ihrer Band Element of Crime eine gefühlte Ewigkeit nicht in Braunschweig. Wissen Sie wie lange nicht?

! Das ist ziemlich lange her, vielleicht Ende der 90er? Ich erinnere mich aber noch gut an unser erstes Konzert in Braunschweig, das war 1987 im Savoy, das war ein kleiner, plüschiger Club mit Lampen auf den Tischen, bizarr!

? Es war jetzt aber nicht so, dass Sie ein Erlebnis hatten, dass Sie zu dem Entschluss brachte: Das war es dann mit Braunschweig?

! Nein, nein, das hat mit vorhandenen Club- und Hallengrößen und dergleichen zu tun. Manchmal passt das dann in eine Tournee nicht rein. Aber letztes Jahr war ich dann bei Kultur im Zelt mit einer Lesung und das fand ich ganz super da und dann haben die mich oder ich die gefragt, ich weiß es auch nicht mehr, und so kommt das nun zustande. Das ist ein sehr schöner Rahmen für ein Element-of-Crime-Konzert, finde ich.

? Wie werden die Touren für Element of Crime zusammengestellt. Entscheidet das Management oder geben Sie vorher einen Wunschzettel ab?

! Darum kümmert sich unser Management in Absprache mit uns. Generell geben wir natürlich die Linie vor. Wir spielen nicht gerne in Hallen, die größer als für drei- bis viertausend Leute sind, weil das dann mit unserer Musik nicht so gut zusammenpasst. In Berlin haben wir letztes Jahr lieber dreimal im Tempodrom als einmal in der Schmeling-Halle gespielt. Wir sind nicht so für Videowände und dergleichen. Aber Open Air kann man auch größere Sachen machen, Zitadelle Spandau und alle diese Festivals, das geht natürlich schon. Aber Sport- und Mehrzweckhallen sind nicht so unser Ding!

? Sie haben in diesem Jahr noch ein paar Konzerttermine vor der Brust. Bereiten Sie sich da noch einmal gesondert drauf vor, spielen Sie sich mit der Band ein? Oder ist das nur der Fall, wenn es neues Material gibt?

! Es gibt ja immer „neues“ Material, weil ja das Repertoire der Band so groß ist. Über 160 Songs würde ich schätzen. Da kann man bei sich selbst so viel entdecken, das ist schon eine tolle Sache, und deshalb kann man auch bei jedem Konzert ein bisschen variieren. Aber die „neuen“ Songs, also in diesem Fall etwa die der „Lieblingsfarben und Tiere“ spielen wir natürlich sehr gern, weil sie – jedenfalls für uns – die neuesten sind.

? Ich frage auch deshalb: Ich kann mich an eine Art Guerilla-Auftritt Ihrer Band in einer Kneipe Namens Garage in Peine unter dem Pseudonym „Die Trauerbauer“ erinnern. Machen Sie so etwas noch gelegentlich?

! Das war ein Wunsch unseres damaligen Lkw-Fahrers, der hatte das für den Off-Tag organisiert. Er hatte sich das gewünscht. Ich weiß auch nicht mehr, es kann sein, dass er Geburtstag hatte. Wir haben das für ihn gemacht, aber auch für uns, weil wir Off-Tage gar nicht so gerne mögen. Man muss sich auf Tournee alle fünf, sechs Tage mal einen Tag freinehmen, das ist schon vernünftig. Aber da hatten wir in dem Moment damals keinen Bock drauf, und haben einen kleinen Spontan-Gig dazwischen getan.

? Jetzt ist das aktuelle Album „Lieblingsfarben und Tiere“ schon zwei Jahre her. Gibt es in Braunschweig unter Umständen schon neue Songs zu hören?

! Wir haben neulich einen neuen Song geschrieben, der heißt „Immer noch Liebe in mir“. Es kann gut sein, dass wir den spielen. Ansonsten denke ich mal, wir werden im nächsten Jahr ganz wenig bis gar nicht spielen und stattdessen anfangen, neue Lieder zu schreiben. Es ist immer schwierig, wenn man noch mit Auftritten oder einer Tournee beschäftigt ist. Durch die Begegnung mit den vielen Leuten, denen ja auch viel bedeutet, was man macht, ist es so, dass man ein bisschen eingeschüchtert ist. Deshalb ist es immer gut, sich ein wenig zurückzuziehen. Es kann sein, dass es dann im übernächsten Jahr eine neue Platte gibt. Wenn man sich ein komplettes Jahr zurückzieht, müsste doch eine Platte dabei herauskommen, oder (lacht)?

? Eigentlich schon.

! Wobei: Dieser Begriff Platte wird ja auch immer schwammiger. Platte, CD, Download – das zerfasert ja immer mehr. Selbst wenn wir versuchen, so lange wie möglich an diesem Format festzuhalten. Weil wir das super finden, dass man zehn Songs auf einmal raushaut.

? Arbeiten Sie eigentlich parallel auch an Ihren Buchtexten oder trennen Sie Literatur und Musik strikt?

! Wenn wir live spielen, kann ich auch an Büchern, an literarischen Sachen arbeiten. Wenn wir gerade Songs schreiben, dann wäre es schwierig, weil man diese Songtexte doch immer sehr mit sich herumschleppt. Wir machen ja immer zuerst die Musik, und ich muss dann den Text zur Musik finden. Da habe ich dann dauernd diese Melodien im Kopf, da kann ich nicht noch gleichzeitig das nächste Buchkapitel darin rumwälzen. Dafür bin ich zu monoman.

? Noch mal zurück zum Raushauen: Die LPs von 1987 bis 1993 gibt es jetzt als schickes Re-Issue-Boxset, und bei Spotify ist eine Best-of-Compilation eingestellt. Ihr ursprünglicher Ansatz war ja, Streaming-Dienste gar nicht zu bedienen. Sie haben da von Ein-Euro-Shop-Mentalität und einer Enteignung der Musiker gesprochen. Ist das nun ein Kompromiss an eine jüngere Zielgruppe?

! Das ist auf jeden Fall erst einmal so eine Art Kompromiss. Wir wollen ja auch nicht, dass Leute, die den Zugang zur Musik nur durch Streaming-Dienste haben, gar nicht erfahren, was Element of Crime sind oder machen. Das wäre ja auch doof. Wir haben von jeder unserer 14 LPs einen Song draufgepackt. Da kann man sich ein bisschen durch die Zeit durchhören. Vielleicht werden wir das irgendwann auch erweitern, das kann gut sein. Aber wir sind noch nicht grundsätzlich bereit, davon abzurücken, ein Album zu veröffentlichen, auch davon, dass man sich als Hörer dafür entscheidet und sich auch durch einen Kauf einer solchen Platte bekennt zu einer Band. Das ist ein ganz schwieriger Übergangsprozess im Augenblick. Letztendlich können wir den Lauf der Dinge nicht ändern, aber ich muss auch sagen, dass die Idee des Albums sehr viel hartnäckiger ist, als alle gedacht haben. Und das hat wohl auch gute Gründe.

? Streaming-Dienste können, das geht mir persönlich so, aber auch als Anstifter funktionieren. Ich höre dort etwas und kaufe mir die Neuentdeckung dann später auf Vinyl.

! Das ist sicherlich richtig, die Dinge haben Vor- und Nachteile. Sowieso: Man darf das nicht durcheinanderbringen. Auch wenn ich manchmal sauer bin, geht es mir nicht um Verteufelung. Technologien kennen ja keine Moral. Die Frage ist: Wie geht man mit ihnen um. Was mich immer genervt hat, waren Leute, die kamen und gesagt haben: Ihr müsst jetzt aber. Leute, die so getan haben, dass es da ein Angebot gebe, das man nicht ablehnen kann. Da wird man natürlich störrisch und sagt irgendwann: Nee, Freunde. Wir haben diese Songs geschrieben und aufgenommen, und wir überlegen ganz genau, wie wir sie veröffentlichen. Das Problem ist ja auch, dass die Zukunft dieser neuen Verteilwege noch gar nicht geklärt ist. Spotify macht nur Verluste, lebt nur von Investorengeldern, die da hineingepumpt werden. Irgendwas läuft da schief mit der Idee einer Musik-Flatrate. Nun bin ich nicht der, der dafür zuständig ist, diese Probleme zu lösen, kann aber sagen: Es ist nicht alles so eindeutig und ausgemacht. Für den Künstler selbst lohnt es sich überhaupt nicht. Für den ist es doch eher eine frustrierende Idee, sich vorzustellen, dass man den zehn Millionen Songs mit den Aufnahmen einer neuen Platte zehn Titel hinzufügt. Das ist irgendwie ungeil. Aber es stimmt auch, dass es seine Vorteile hat. Die Leute können, selbst wenn es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen ist, auch eine Menge Musik entdecken.

? Die mildere Sicht auf den technologischen Lauf der Dinge passt zu einer Beobachtung, die ich bei Element-of-Crime-Konzerten gemacht habe: Das Publikum besteht mittlerweile nicht nur aus den quasi mitgewachsenen Fans. Es kommen auch einige Leute, die deutlich älter oder eben auch deutlich jünger sind, als der Schnitt. Die jüngeren hören vielleicht schon mal den Stream oder gucken bei Youtube.

! Element of Crime ist eine Band, die die Leute irgendwann im Leben entdecken, wenn sie auf solche Musik stehen. Und dann gibt es halt sehr viel zu entdecken, weil wir schon so viel gemacht haben (lacht). Aber das ist letztlich eine sehr individuelle Geschichte. Wir hatten schließlich nie diese großen Hits. Deshalb muss man die Band ja auch nicht unbedingt kennen. Man kennt sie nur, wenn man sich für diese Art von Musik interessiert. Das ist für uns auch eine sehr privilegierte Position, weil wir eigentlich nur mit Leuten zu tun haben, die mit dem, was wir da tun, auch etwas anfangen können. Wir sind wenig prominent, aber doch sehr bekannt. Das ist toll.

? Ich kann mir vorstellen, dass das auch die Band selbst sehr entspannt, dass die Musik keinerlei Moden unterworfen ist. Es gibt keine spezielle Strömung.

! Stimmt! Wir müssen keine Hits schreiben. Wobei „Hit“ ja keine musikalische Kategorie ist, sondern eine gesellschaftliche. Darüber entscheiden andere, nicht die Musiker. Wir müssen das alles jedenfalls nicht: Wir müssen keinen Mainstream bedienen, und wir müssen nicht unbedingt im Radio funktionieren. Das geht manchmal, und wir freuen uns, wenn es mal so ist, aber es muss nicht sein. Das bedeutet für uns als Künstler ein extrem hohes Maß an Freiheit.

? Eine weitere Sache, die mir aufgefallen ist: Sie sind auf der Bühne heute weniger lakonisch als früher.

! Ich bin ein bisschen gelöster und geschwätziger, das ist schon wahr. Man muss auch mal ein paar Worte sagen zu den Leuten. Das Problem ist, gerade wenn die Konzerte größer werden, dass die Leute das missverstehen, wenn man als Sänger so schweigsam ist, zwischen den Liedern. Die denken, das ist so, weil man keinen Bock hat, schlecht gelaunt oder arrogant ist (lacht). Das ist natürlich nicht gut, weil das die Stimmung vergiftet. Ich hasse es andererseits aber auch, vor allem wenn ich selber zu Konzerten gehe, wenn dann Ansagen so etwas Anbiederndes, leicht Ringelpieziges haben. Ich denke, es ist eine Gratwanderung. Am Ende sind wir doch alle wegen der Musik da, das sollte das Wichtigste sein.
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