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Wilde Jagd um den Löwenhirsch

„Der Freischütz“ hatte gestern Abend Premiere auf dem Burgplatz – Eine kluge Inszenierung.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 15.08.2010

Braunschweig. „Der Freischütz“ gestern auf dem Burgplatz“: romantisch, ironisch und saftig. Ein musikalisches Großereignis.

Es gibt richtig viel zu sehen, und alles hat seine Bedeutung. In einer an Details schier überbordenden Finsterwald-Kulisse bricht Regisseur Andreas Baesler die Harmoniesehnsucht der Romantik mit augenzwinkernder Ironie und deftiger Komik – ohne sich lustig zu machen. Ein schmaler Grat.

Kitsch bleibt Kitsch, und Wahrheit bleibt Wahrheit. „Der Freischütz“ auf dem Burgplatz ist eine intelligente Lektion in Sachen Leben und Leben lassen.

Der Mythos Natur und die Landvolk-Kostüme suggerieren die Kraft des Volkstheaters. Harald B. Thor weckt mit seinem Bühnenbild das Lebensgefühl des romantisch-gebrochenen Biedermeier: Die Lichtung zwischen vom Waldsterben arg mitgenommenen Restbäumen, das moderige Wasser, die Gartenzwerge... Allerdings versperren die Requisiten auch einigen Zuschauern die Sicht.
Regisseur Andreas Baesler lässt die Geschichte im fiktiven Trachtenland laufen, holt sie aber mit vielen Details und ironischen Kommentaren ins Heute und Jetzt.
Jägerbursche Max trifft nicht mehr, seine Kugeln verfehlen das Ziel. Der berühmte „Schuss ins Schwarze“ aber steht vor der ersehnten Hochzeit mit Fürstentochter Agathe. Weil es so ist, und weil es immer schon so war. Max ist verzweifelt, sieht keinen anderen Ausweg mehr, als sich an das Böse zu verkaufen. Sein Kumpel Kaspar verspricht, ihm mit teuflischen Freikugeln zum garantierten Glücksschuss zu verhelfen. Um Mitternacht in der Wolfsschlucht...
Das Gute und das Böse kämpfen um die Seelen der armen Menschen. Baesler nimmt das Bild auf und lässt wie auf einer zweiten Erzählebene den Eremiten (Selçuk Hakan Tirasoglu verkörpert das Gute mit prachtvollem Bass) und den schwarzen Jäger (eindrucksvoll finster Andreas Jäger) wie zwei alte Cowboys im Duell umeinanderschleichen.
Spätestens, wenn der Steinadler in die Arena stürzt, weiß auch der letzte Besucher: Es darf gelacht werden. Hier wird zwar klug der Zeigefinger erhoben, aber überall blitzt die Ironie.
In der Wolfsschlucht führt Baesler die Zuschauer in die Hölle – eine schaurig-ernste Kriegsszene lässt das eben noch helle Lachen über derbe Witze stocken. Dann wieder flimmert schon die Lichtorgel um das Geweih am Löwenhirschen (eine denkwürdige Nebenrolle für den Burgplatz-Löwen). Davon lebt die Inszenierung: vom klugen Bruch, vom schnellen Schnitt.
Das Orchester unter der Leitung von Georg Menskes ist hochpräsent, kompromisslos dirigiert Menskes gegen süßliche Folklore. Alfred Mayerhofer schöpft bei den Kostümen aus dem Vollen, gelungene Typisierungen, witzige Anspielungen. Mária Porubcinová ist eine erwachsene Agathe, verkörpert ein eher altmodisches Frauenbild. Stimmlich begeistert sie mit lyrisch-bewegendem Sopran, der Text allerdings ist nicht immer zu verstehen. Moran Abouloffs Ännchen kommt selbstbewusst-emanzipiert daher, mit kraftvoller, warmer Stimmlage ohne Kratzer in den Höhen.
Max (Mark Adler) ist in jeder Hinsicht der Prachtbursche des Abends, lebendig, dynamisch und jugendlich in Körpersprache und Stimme. Auch Kaspar (Christian Veit Sist) hat starke Bühnenpräsenz und einen passend kernigen Bariton. Ernst Garstenauer ist ein kantig-knorriger Erbförster Kuno, Malte Roesner ein eleganter Ottokar mit eindrücklicher Kraft.
Zu den Höhepunkten des Abends gehört auch der Chor, der die hohen Anforderungen überzeugend meistert.
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