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Wie wollen wir leben?

Sven Hönig als weibliche Erdbeerwaise. (Foto: Beinhorn)

Das Dokumentartheaterstück "Erdbeerwaisen" hatte Premiere in der Hausbar des Staatstheaters

Von André Pause, 25. Oktober 2014.

Braunschweig. „Erdbeerwaisen“ heißt die zweite dokumentarische Produktion, die das Kollektiv Werkgruppe 2 zusammen mit dem Staatstheater Braunschweig auf die Bühne gebracht hat. Anders als bei der ersten Arbeit „Polnische Perlen“ vom März dieses Jahres, an die kontextuell angeknüpft wird, gibt es dieses Mal einen dritten Partner im Kooperationsbunde: das Nationaltheater „Marin Sorescu“ Craiova.

In der rumänischen Stadt erlebte das Stück bereits im September seine Uraufführung, am Donnerstag war nun Premiere in der Hausbar des Staatstheaters.
„Erdbeerwaisen“ werden in Rumänien und in ganz Osteuropa die Kinder genannt, deren Eltern ihr Heimatland verlassen, um in anderen Teilen Europas – zum Beispiel auf Erdbeerfeldern – zu arbeiten. Unicef ging schon 2008 von 350 000 EU-Waisen (so die deutsche Sprachregelung) aus – allein in Rumänien. Diese Kinder werden häufig von den älteren Geschwistern oder den selbst schon greisen, pflegebedürftigen Großeltern betreut.
Regisseurin Julia Rösler hat im Rahmen des Theaterprojektes „The Art of Ageing“ der European Theatre Convention (ETC) gemeinsam mit Dramaturgin Silke Merzhäuser und Schauspielerin Gina Calinoiu bei den Zurückgelassenen, aber auch den Zurücklassenden recherchiert, sich beispielsweise bei den Kindern erkundigt: Wie hat sich deine Mutter verändert? Kann Oma dich trösten? Wovor hast du Angst? Was würdest du dir wünschen? Im Kopf die eigenen, auf der Hand liegenden wie drängenden Fragen: Was bedeutet es für die Familien- und Gesellschaftsstrukturen, wenn immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit migrieren müssen? Was passiert mit einer Generation von Großeltern, die keine Ruhe, geschweige denn einen schönen Lebensabend findet, weil sie als Elternersatz fungiert? Auf der Metaebene läuft wie gehabt alles auf einen Punkt hinaus: Wie wollen wir leben?

Die Hausbar des Staatstheaters ist ein guter Raum für intime Geschichten. Es ist eng. Das von Gabriela Baciu, Gina Calinoiu, Sven Hönig und Oliver Simon auf karger Bühne (nur ein großer Pappkarton dient als Kleiderschrank) gespielte Extrakt der Fragen und Antworten aus den Interviewprotokollen rührt durchaus. Da sind aus allen Generationsperspektiven intensive, ja schmerzliche Szenen dabei.
Die vielleicht stärksten an diesem Abend hat Sven Hönig, weil sie das Dilemma, das die Entscheidung gegen die eigene Familie aus wirtschaftlicher Zwangslage heraus zur Folge hat, am deutlichsten aufzeigen. Da gibt es zum einen die Entwurzelung bis zum völligen Kontaktschnitt. Als bekopftuchte Oma spricht Hönig mit zunehmend getriebener Stimme davon, die drei Enkel sechs Jahre lang allein durchgebracht zu haben. Gerade einmal 70 Euro habe der tolle Sohn, der mittlerweile mit neuer Frau im Ausland wohnt, in dieser Zeit nach Hause geschickt. Als die Großmutter das Geld gesehen habe, habe sie es nicht angenommen, sich vom Sohn stolz ab- und zu den Enkelkindern hingewendet: „Ihr seid Seele von meiner Seele, Herz von meinem Herz“. Am Schluss bricht sie erschöpft zusammen.
Als pubertierendes Mädchen dokumentiert Hönig dann die Zerrissenheit der jungen Generation. Die hat, obwohl sie sichtlich leidet, auch die Insignien des Wohlstands vor Augen. Das Mädchen rupft und zerpflückt – die Stimmung oszilliert – den Kamm ihres Barbie-Ponys. Sie könne die Mutter schon irgendwie verstehen. „Wenn sie weg geht, dann macht sie das auch für mich“, sagt das Mädchen. Dieser Pragmatismus, das spürt der Zuschauer, ist nicht nur Behauptung, und trotzdem: die Sehnsucht, die Mutter nach fünf Jahren mal wieder an irgendeinem Geburtstagstisch zu haben, ist riesengroß. So fein, wie Sven Hönig diesen mentalen Drahtseilakt herausspielt, dringt Musiker Kim Efert, der sich mit seiner E-Gitarre zunächst hinter Laptop, Verstärker und Effektgeräten verschanzt, sukzessive ins Spiel des Darstellerquartetts, verleiht der Situation auf musikalische Weise auch dann Stimmung, wenn eigentlich keine Worte mehr sind. Stark ist der Schluss: aufgereiht sitzen alle da, abwesende Blicke ins Leere. Ein hypnotisch intoniertes, immer lauter werdendes „Ahhh!“ wird zum Ausdruck des Schmerzes, und zeitgleich zu dessen Betäubung.
Die Produktion birgt allerdings auch Probleme: Nach einer Stunde, spätestens aber nach 70 der 90 Stückminuten ist man dem Gefühl „Es wurde eigentlich alles gesagt, nur noch nicht von jedem“ sehr nahe. Außerdem entzieht das teilweise doppelte Spiel über Bande – echtes Schicksal wird Schauspiel, das gespielte Schicksal muss aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzt werden – jene Ausstrahlung, Kraft und Unmittelbarkeit, die einem bei „Polnische Perlen“ den Atem stocken lies und das Wasser in die Augen trieb.
Zu sehen sind die „Erdbeerwaisen“ wieder morgen (27. Oktober) und übermorgen, sowie am 6. und 7. November, jeweils um 20 Uhr.
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