Anzeige

Wie die erste Stunde am Steuer

David Kosel als Hamlet im Clinch mit der schönen Ophelia (Bea Brocks). Foto: Beinhorn

Stephan Rottkamp inszeniert Shakespeares „Hamlet“ am Staatstheater ohne große Einfälle.

Von André Pause, 05.10.2014.

Braunschweig. Wenn ein Fahrschüler das Kupplung-kommen-Lassen noch nicht ganz so gut beherrscht, hat dies zur Folge, dass der Wagen zwar sachte vorankommt, allerdings nicht ohne heftig vor und zurück zu schaukeln.

Die Premiere von Stephan Rottkamps gut dreistündiger „Hamlet“-Inszenierung im Großen Haus des Staatstheaters bringt über weite Strecken verlorengeglaubte Erinnerungen an die erste Stunde am Steuer zurück ins Gedächtnis. Es ruckelt.
Aus welchem Grund auch immer scheint der Regisseur in einigen Momenten – zumindest bis zum Ende des dritten Aktes – der Wirkmacht der Worte Shakespeares, dem selbstgewählten Erzählduktus oder gar beidem zu misstrauen. Dann möchte er entweder die ganz große Show: Stroboskoplicht in Kombination mit Rock von Heisskalt („Ihr habt es nicht anders gewollt“) oder Rammstein (aufgrund des Spannungsverhältnisses von Hamlet zu Mutter Gertrud naheliegend: „Mutter“) – oder aber er flüchtet ins komische Fach. Diese inselartigen Brechungen können schön und für sich genommen richtig unterhaltsam sein, beispielsweise wenn Moritz Dürr als närrischer Staatsrat Polonius minutenlang und mit viel Witz auf dem Wege des Monologs zur Erkenntnis gelangt: Fußpflege-Altenpflege-Denkmalpflege, Drei-viertel-takt, A-R-D, Caspar-David-Friedrich – es „sind immer drei“. Das Stück jedoch bringen diese Ausflüge in Bonmot-Form nicht wesentlich nach vorne. Mehr noch: Sie rauben ihm letztlich Atmosphäre und Intensität.
Für beides sorgt in Rottkamps fünfter Produktion für das Staatstheater Braunschweig vor allem der famose David Kosel. Sein Hamlet bringt das Zweifeln am Sein oder Nichtsein, das Grübeln über den besten Zeitpunkt für die Rache an König Claudius, seinem Onkel, dem Mörder seines Vaters, gut auf den Weg. Er lässt es, das Irre im Blick, bis zum Tod tragisch flackern. Doch wie so oft gilt an diesem Abend: Kaum ist der Führungstreffer der Regie gefallen, wird er auch schon egalisiert. Der Rest des Ensembles nämlich muss sich dem Ereignis Kosel/Hamlet – mitunter fast zur Bedeutungslosigkeit – fügen.
Das Konzept nach der Pause funktioniert etwas besser, auch wenn die Inszenierung dadurch beinahe bestürzend konventionell wird: Es gibt weniger Sperenzchen, mehr Werktreue am Stück. Und weil die Sprache an sich so schön ist, möchte man glatt die Augen schließen, bevor auf der monumentalen, nach hinten spitz zulaufenden Bühne aus langen, schwarzen, im Laufe des Abends immer mehr zerfetzten Papierbahnen das allgemeine Umsinken zu Bach- und Mozart-Kompositionen beginnt.
Der Rest ist Schweigen? Nicht ganz: Es gibt zögerlichen, aber freundlichen Beifall im lückenhaft besuchten Großen Haus.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.