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Wenn die Stärke einsam macht

Violet Weston (Martina Struppek, r.) kurz vor dem familiären Totalverlust. Tochter Barbara (Birte Leest) macht sich als Letzte davon. Foto: Volker Beinhorn

Berührender Spielzeitauftakt im Großen Haus mit Nicolai Sykoschs Inszenierung „Eine Familie“.

Von André Pause, 27. September 2016.

Braunschweig. Eben noch herrschte Hochbetrieb, doch nach knapp dreieinhalb Stunden Spielzeit sitzt Martina Struppek als Violet Weston einsam inmitten der realistisch bürgerlichen Wohnkulisse im Großen Haus des Staatstheaters. „Wer ist die Stärkere?“, fragt, nein brüllt sie. Und schiebt nach einer kurzen Pause nach: „Barbara?“

Barbara aber ist gegangen. Die älteste Tochter hat sich – wie zuvor schon ihre beiden Schwestern – abgewandt von der krebskranken, im Tablettenrausch empathielos gewordenen, bei machtstrategischen Spielen im Zwischenmenschlichen recht rücksichtslos zu Werke gehenden Frau Mutter.

Als Besucher – es gibt welche im Saal, die mit den Tränen kämpfen – möchte man Violet Weston in den Arsch treten, in den Arm nehmen, oder beides. Das ist Struppeks Verdienst, aber auch das des Regisseurs Nicolai Sykosch, der Tracy Letts „August: Osage County“ zum Auftakt der aktuellen Staatstheater-Spielzeit unter dem deutschen Titel „Eine Familie“ zwar durchaus konventionell, aber mit viel Gefühl für die einzelnen Rollen inszeniert – als berührendes Ensemblestück, das einen nicht so schnell wieder loslässt.

Immer größere Abgründe tun sich da auf im familiären Gefüge. Nachdem das Oberhaupt Beverly (Hans-Werner Leupelt), anstatt den Kummer wie gewohnt im Alkohol zu ertränken, sich selbst ersäuft, und in der Folge die komplette, versprengt lebende Sippe in Oklahoma zur Trauerfeier anrauscht, spult sich das Desaster mit zunehmender Geschwindigkeit ab. Immer tiefer werden die Risse in der Fassade, bis das mühsam zusammengehaltene Gebäude aus Lebenslügen einstürzend alle Beteiligten erschlägt.

Wenig ist am Ende so, wie es zunächst scheint: Die einzige bei den Eltern am Geburtsort verbliebene Tochter Ivy (Rika Weniger) trägt ein verbotenes Liebesgeheimnis mit sich herum, die naive Karen (Pauline Kästner) ist womöglich doch berechnender als man glaubt, und für ihre Beziehung zum zwangsversorgenden Verlobten Steve (Andreas Vögler) bereit, die Augen zu verschließen. Barbara (Birte Leest) sieht ihrerseits Ehe wie Familie zerbrechen, und Violets Schwester Matie Fae (Anke Stedingk), die mit Mann und Kind die Trauertafel komplettiert, hat am finalen Ausmaß der Tragödie ebenfalls einen erheblichen Anteil.

Das tolle Ensemble trägt den Abend: in boulevardesken Momenten wie in der Phase der dramatischen Zuspitzung nach der Pause bis hin zur Erkenntnis, dass das Streben nach Macht und Stärke in der Schicksalsgemeinschaft Namens Familie besonders verhängnisvoll enden kann. In der Einsamkeit.
Weitere Infos: staatstheaterbraunschweig.de .
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