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Wenn der Putz bröckelt, ist die Wandkunst für immer verloren

Von Marion Korth

Anja Stadler haut nicht auf den Putz, sie klopft nur ganz vorsichtig an. Die Restauratorin ist seit einer Woche Dauergast im Dom, wo sie im Auftrag der Domstiftung die mittelalterlichen Malereien in Hohem Tor und Querschiffen auf Schäden hin untersucht.

Dabei verlässt sie sich vor allem auf ihre Augen und manchmal auf ihr Klopfgefühl, wenn es um das Aufspüren von Hohlräumen geht. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter arbeitet sie sich mit Argusaugen vor. Die Restauratorin hat bislang rund 20 Quadratmeter angeschaut, jeden Riss, jede Pustel, jedes Loch, jede Übermalung genau kartiert.
Der Ursprung der Malereien führt in die Zeit um 1220, 1230 zurück. „In 800 Jahren haben sie Erhebliches erlebt“, sagte Domprediger Joachim Hempel. Das „eigentliche Wunder“ ist für ihn jedoch, dass das Domgewölbe Bombenhagel und Feuersturm des Zweiten Weltkrieges überstanden hat. Insgesamt sind rund 800 Quadratmeter kunstvoll mit Heiligenfiguren und religiösen Szenen bemalt. „Es ist die größte mittelalterliche Flächenmalerei in Deutschland“, sagte Hempel. Damit ist erklärt, warum dieser Schatz für die Zukunft geschützt werden soll. Domstiftung und Landeskirchenbauamt sind fest entschlossen, das Projekt anzugehen. Es sei allerdings noch zu früh, zu sagen, wie und mit welchem Kostenaufwand die Malereien dauerhaft konserviert werden können. Aber es werden Millionen sein, so viel ist klar.
Mit Mitteln des Bundes war 1994 eine Voruntersuchung der Malereien finanziert worden. Die damals gewonnenen Erkenntnisse seien nun hilfreich, um zum Beispiel zu beurteilen, ob Schäden zugenommen haben. Auch wenn Anja Stadler praktisch noch am Anfang ihrer Arbeit steht, sieht sie einige Stellen „hochgradig gefährdet“, spricht von „unmittelbarem Handlungsbedarf“. Erst nach Abschluss der Schadens-Kartierung kann sie darangehen, eine Therapie festzulegen, um die mittelalterlichen Malereien zu erhalten.
Im Laufe der Jahrhunderte sind die einst leuchtenden Farben verblasst. „Die Pigmente pudern ab“, sagt dazu die Fachfrau, die nun in schwindelnder Höhe auf dem Baugerüst herumturnt, um Auge in Auge mit Malereien und Spinnweben sein zu können. Eindringendes Wasser, ausblühende Salze, der Ruß der Kerzen, der Atem der Gottesdienstbesucher – die so genannten Secco-Malereien, bei denen die Farbe auf den trockenen Putz aufgetragen worden ist, mussten und müssen viel über sich ergehen lassen. Nicht zu vergessen der Weihrauch. „Im Mittelalter standen hier zeitgleich 60 Altäre und an jedem wurde geräuchert“, berichtete Hempel. Später waren es dann Kanonenöfen, aus deren Rohren der Rauch entwich. Anja Stadlers Fingergelenke sind nicht ohne Grund dunkel von den vielen Klopfproben. Eine kleine Stelle leuchtet hell hervor, an der sie eine Musterreinigung der Wand vorgenommen hat. Zeitweise waren die Malereien gar unter einer Putzschicht verborgen worden. Domprediger Hempel ist deshalb nicht gut auf Herzog Anton Ulrich zu sprechen, der das Dominnere mit entsprechendem Inventar auf barocken Zeitgeschmack trimmen ließ. 1830 seien die Malereien dann unter dem weißen Putz wieder entdeckt worden.
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