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Wenn das Lächeln wegbröckelt

Hier wirken die Lügen noch: Gina (Sandra Fehmer) und Hjalmar (Sven Hönig) mit Tochter Hedwig (Ursula Hobmair) und Vater (Andreas Bißmeier). Foto: Beinhorn

Berührende Premiere von Henrik Ibsens „Die Wildente“ im Großen Haus des Staatstheaters.

Von André Pause, 20.04.2014.

Braunschweig. Wie viel Verblendung braucht der Mensch, wie viel Wahrheit kann er ertragen? Bereits vor 130 Jahren hat sich Henrik Ibsen mit dem Errichten von Lügengebäuden beschäftigt, mit Eskapismus als Schutz vor der Tragödie.

„Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge rauben, nehmen Sie ihm gleichzeitig das Lebensglück“ – an dieser Einschätzung des, stetigem Alkoholkonsum zum Trotz, hellsichtigen Arztes Relling in Henrik Ibsens „Die Wildente“ mögen sich die Geister scheiden. Manchmal ist (Über-)Leben aber nur in der autosuggerierten Scheinwelt möglich. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Jetzt feierte Stephan Rottkamps Inszenierung des Klassikers über Aufrichtigkeit und ihre Grenzen Premiere im Großen Haus des Staatstheaters.
Hjalmar Ekdal lebt mit Frau, Tochter und Vater in ärmlichen Verhältnissen, einem von der Außenwelt beinahe hermetisch abgeriegelten Mikrokosmos.

Er selbst sieht sich als großen Erfinder im Wartestand. Seine eigentliche Arbeit als Fotograf lässt er von Gattin Gina und Tochter Hedwig erledigen, um sich mit dem Herrn Papa (Andreas Bißmeier) der Jagd hinzugeben – in der privaten Wildnis des eigenen Dachbodens wohlgemerkt. Hjalmars ehemaliger Freund Gregers Werle mag das Elend nicht mit ansehen, möchte ihn darüber aufklären, dass sein schwerreicher Vater (Moritz Dürr) die schlichte Existenz der Ekdals in einer Art Gegenseitigkeitsgeschäft finanziert, wohl um das Gewissen zu beruhigen, weil er doch an der Situation der Familie nicht ganz unschuldig ist.

Mit der gut gemeinten Offenlegung der wahren ökonomischen Situation und später auch der zwischenmenschlichen Zusammenhänge macht Gregers jedoch sämtliche Illusionen und Träume Hjalmars Schritt für Schritt zunichte.
Regisseur Rottkamp setzt mit seiner Inszenierung auf klare Strukturen, vor allem durch eine starke Verdichtung des Textes, und wirkmächtige Bilder. Die karge Bühne von Kathrin Frosch kommt ihm zupass. Das schräge Dach öffnet sich zur Jagd nach hinten, wie eine Müllschleuse, in die Gregers am liebsten alle Lügen feuern möchte. Als Symbol für die geistige Verblendung, das Glück der männlichen Ekdals, sorgen Scheinwerfer mit gleißendem Licht. Die Akteure halten Abstand zueinander, sodass die solitäre Positionierung zeitweilig wie eine Familienaufstellung wirkt. Alle haben Platz für ihren Kokon, ihre Geschichte. Mehrere Szenen vor der Pause enden zudem schlaglichtartig in eingefrorenen, zum Teil gestellten Situationen. Das alles schafft eine löbliche Übersichtlichkeit, lässt die Figuren aber auch schwer ins gemeinsame Spiel kommen.

In den beiden letzten Akten schließlich führt Rottkamp die Charaktere und damit auch das geschlossen auf hohem Niveau agierende Ensemble emotional zusammen. Bis zur finalen Selbsttötung des Kindes gibt Tobias Beyer den lakonischen Arzt Relling entspannt und souverän, vermengt Sven Hönig in Hjalmar das verquere Selbstbild mit größtmöglicher Dullihaftigkeit, durchkämmt Oliver Simon als krampfhaft penibler Aufklärer Gregers das Lügendickicht. Für die ergreifendsten Momente des Stückes sorgen jedoch Sandra Fehmer als Gina Ekdal, die die Vergangenheit – abgesehen von einer kurzen Eruption – betont aufgesetzt weglächelt und Ursula Hobmair, die als unbedarfte Hedwig zu Tränen rührt, wenn sie, bevor sie sich erschießt, versucht „ihren“ Vater wieder für sich zu haben, wenn sie ihn – das hübsche Kleidchen in der Vorhalte – strahlend ansieht, und ihr das süße Lächeln binnen Sekundenbruchteilen einfach so wegbröckelt. Der Applaus im nicht ganz ausverkauften Großen Haus ist kräftig.
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