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„Weiter, es geht immer weiter“

Dieter Hallervorden zeigte sich zur Filmpremiere in Braunschweig mit leichter Verspätung aber bestens gelaunt. Foto: André Pause

Multitalent Dieter Hallervorden kam zur Premiere von „Sein letztes Rennen“ ins C1 Cinema.

Von André Pause, 13.10.2013.

Braunschweig. „Du bleibst bei mir, wir sind wie Wind und Meer, wir sind zusammen, und wir bleiben zusammen“, dieser Satz bleibt haften. Dieter Hallervorden spricht ihn, in seiner Rolle als Paul Averhoff im Film „Sein letztes Rennen“.

Er spricht ihn als Frage mit Ausrufezeichen, mild brüchig und doch bestimmt – die Kulleraugen sehnsuchtsvoll aufgerissen und wasserunterlaufen, die Tränensäcke voll und bleischwer, knapp über dem weißen Rauschebart.
Averhoff weiß wohl, dass er und seine innig geliebte Frau Margot (Tatja Seibt) sich auf der Zielgeraden des Lebens befinden, doch das Abfinden mit den Umständen fällt schwer. Er, der als Marathonläufer 1956 olympisches Gold geholt hat, möchte sich nicht mit der neuen Situation im Altersheim arrangieren. Zwischen Singkreis („Heißassa der Herbst ist da“) und Kastanienmännchen-Bastelstunde wirken die Averhoffs, die die Tücken des Alltags eben noch glänzend alleine meisterten, ohnehin wie ein binärer Fremdkörper. Konsequenz der Isolation: Die Läuferlegende wienert die alten Laufschuhe und beginnt im Park einsam Runden zu drehen. Anfangs von den Altersgenossen als eigenwilliger Quertreiber belächelt und verspottet, wendet sich das Blatt, als Mitbewohner Fritzchen (Heinz W. Krückeberg) eine alte Autogrammkarte herauskramt, die Paul auf dem Zenit seiner sportlichen Leistungsfähigkeit zeigt. Als der alte Recke ein Rennen gegen den jungen Pfleger Tobias (Frederick Lau) gewinnt, hat er die Heimgenossen endgültig auf seiner Seite. Eisern trainiert Paul Averhoff für seinen Traum: Noch einmal den Berlin-Marathon laufen.
Die Rückschläge bleiben nicht aus. Zum einen weiß er Betreuerin Frau Müller (herrlich verknöchert und leicht wahnsinnig: die Wiener-Burg-Schauspielerin Katharina Lorenz) und Oberschwester Rita (Katrin Sass, noch zickiger als bei Talkshowbesuchen) gegen sich, und dann muss er mit Tochter Birgit (Heike Makatsch) auch noch den Tod seiner Margot verkraften.
Wie der Film ausgeht, versteht sich von selbst. Die Eheleute haben sich schließlich geschworen, dass es „weiter, immer weiter“ gehen muss. Außerdem ist „Sein letztes Rennen“ ein modernes Märchen, und diese arg wundersame Geschichte braucht allein aus kompensatorischen Gründen ein Happy End, weil Regisseur Kilian Riedhof die letzten Kilometer des Lebens-Marathons streckenweise so ergreifend erzählt, dass allein dabei Herzen platzen können.
Der Film wechselt in einer Achterbahnfahrt mehrheitlich zwischen zwei Ebenen: Hintersinnig komisch, aber auch mal derb wird der Heimalltag dargestellt. Die Dialoge des Ehepaares Averhoff in den Rückzugsmomenten hingegen sind in ihrer Melange aus schöner Erinnerung, Schmerz und Verlustnähe so anrührend, dass man hemmungslos weinen möchte. Dass – wenn auch eher nebenbei – Themen wie Generationenkonflikt oder Pflegenotstand (samt der verheerenden Begleiterscheinungen) zur Sprache kommen, ist eine weitere Stärke der 114-Minuten-Produktion.
Dieter Hallervorden, der im Anschluss an die Premiere gemeinsam mit Regisseur Riedhof für einen kurzen Besuch im C1 vorbeischaute, erhielt stehende Ovationen. Mit seinem letzten Rennen hat sich das Multitalent im Alter von 78 Jahren ein ragendes Denkmal gesetzt, das so unendlich weit weg ist von Palim-Palim und der dazugehörigen Flasche Pommes.
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