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Was knallt am besten? Spargel aus Braunschweig!

Das Stück nimmt Fahrt auf und aus dem Dampf der kohlebefeuerten Lok steigt der Veranstaltungsort zum Hauptdarsteller auf. Fotos: Korth
 
Für Bühnenbild und Regieeinfälle gibt’s eine Eins.

„Spiel mir das Lied vom Löwen“ – Schwelgen im Gefühl trauter Gemeinsamkeit – Und anschließend: stehende Ovationen nach der Premiere.

Von Marion Korth, 05.08.2017.

Braunschweig. Die Jahreszeit ist nicht danach, aber kennen Sie das Lied „Driving Home for Chrismas“? Chris Rea besingt darin in einer Zeile, wie er auf der Heimfahrt einen Blick auf den Fahrer neben sich wirft.

Gleiche Situation, aber es ist Sommer. Sommer in Braunschweig. Ich schaue aus dem Autofenster und sehe den Fahrer neben mir: einen Indianer! Der Mann mit schmaler Brille und blondem Haar hat noch das Pappstirnband mit Feder auf dem Kopf, wie so viele andere, die sich am Donnerstagabend beseelt vom eben Erlebten auf den Heimweg machen. Mit ausgiebigem Klatschen, stehen Ovationen und Zugabe-Rufen war im Lokpark die Premiere der Wiederaufnahme von „Spiel mir das Lied vom Löwen“ über die Bühne gegangen.

Aus dem Autoradio dringt Peter Urbans sonore Stimme, gerade bespricht er musikalische Neuerscheinungen und zitiert: „Popmusik ist ein einziges Zitat.“ Klauen muss erlaubt sein, deshalb: „Spiel mir das Lied vom Löwen“ ist ein einziges Zitat oder genauer – eine fast dreistündige Aneinanderreihung von Zitaten. Das könnte langweilig sein, ist es aber nicht.

Agneta oder Agnes, Agneta The Blonde (Abba) oder Agnes The Harpe (Harfen-Agnes), Weltstar oder Braunschweiger Original, das kommt doch fast aufs Selbe ’raus. Erst recht in Braunschweig! Und so geht dieses Duell ganz ohne Pistolengedöns und Indianergeheule aus, wie es ausgehen muss: Die tüdelige Alte, die sprachlich über den spitzen Stein stolpert und der wirr das Haar unterm Strohhut hervorquillt, lässt die schöne Schwedin – plakativ in Dolly’s Saloon angekündigt – alt aussehen.
Der Zauber dieses Abends rührt aus vielen Zutaten her, am Ende steht ein Ereignis, das es in Wirklichkeit nicht gibt: ein Familientreffen ganz ohne Gezicke und Gezanke mit lauter Leuten, die einfach nur lächeln. „Weil es so schön ist“, wie eine Zuschauerin verrät. Auf der Bühne und davor treffen sich alte Bekannte, denen ein Stichwort, ein erster Akkord, ein Szenenbild ausreichen, um im Kopf die Tür zu einem Arsenal von Erinnerungen, Textzeilen, Fernseherlebnissen aufzustoßen – das verbindet. So schmachten wir gemeinsam mit Old Schunterhand (Louie) Robbie Williams’ „Angel“ zur angebeteten Häuptlingstochter, grölen mit Saloonwirtin Dolly Zaster „Honky Tonk Woman“ und denken beim Auftritt von Arne Stephan als Häuptlingssohn Rote Wiese unweigerlich an Pierre Brice. Nebenrollen gibt es in dieser kunterbunten Westernrevue keine, Tachi, der listige, lispelnde Mexikaner, gefällt ebenso wie der verkiffte und versoffene Häuptling Schwarzer Berg (Klaus Lembke), der in einem klaren Moment mit Agnes über den Begriff „Heimat“ philosophiert und die Geschichte der weißen Einwanderer in Amerika mit den Worten „waren das nicht alles Wirtschaftsflüchtlinge“ auf den Punkt bringt.

Selbst der Lokpark steigt aus dem Dampf einer kohlebefeuerten Lok von der Kulisse zum Hauptdarsteller auf, ebenso wie die Pferde Kleiner Onkel, Byron, Murmel und Murphy, die – Futterschüssel sei dank – sich zwischenzeitlich auch artig hinter der Kakteensäule abstellen lassen. Nein, in diesem Stück gibt es keine Verlierer. Angetrieben wird das Westernmusical aus der (Häuptlings)-Feder von Peter Schanz und Christian Eitner von den grandiosen Musikern der Jazzkantine und den liebevollen Regieeinfällen. Landmenschen wie mir gefällt es, als selbst der altehrwürdigen Spargelzüchtung „Glory of Brunswiek“ der ihr gebührende Ruhm zuteil wird.
Bleibt am Ende noch, ein Versprechen einzulösen. Hatte ich doch das Vergnügen, eine sehr junge Zuschauerin kennenzulernen, die in Begleitung ihres Vaters diesen letzten Ferientag länger auskosten durfte. Wir unterhielten uns über meinen Beruf. „Dann schreibst Du jetzt also, dass es den Leuten gefallen hat?“ hatte die Zehnjährige mich gefragt. Das ist hiermit geschehen.

• „Spiel mir das Lied vom Löwen“ wird noch bis zum 26. August im Lokpark gezeigt.
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