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Schmierenkomödie „Gipfeltaucher“ von Peter Schanz hatte im Kleinen Haus Premiere

Von Martina Jurk

Braunschweig. Wie geht man künstlerisch mit einem handfesten politischen Skandal der jüngeren Vergangenheit um, wenn die darin verwickelten Personen real existent sind? Dramatisch, satirisch oder komödiantisch? Peter Schanz hat sich mit dem Gipfeltaucher für Letzteres entschieden. Gut oder nicht gut?

Für den Mut, sich dieser Geschichte anzunehmen und sie auf die Bretter, die Braunschweig bedeuten, zu bringen, ist der Autor zu bewundern. Aufstieg und Fall des Gerhard Glogowski hätten ihn zwar nur auf die Idee für dieses Stück gebracht, aber von der ersten Szene an weiß jeder, dass der Ex-Ministerpräsident gemeint ist. Unüberhörbar beginnen erster und vierter Akt mit der Melodie des Niedersachsenliedes. Zu haargenau passen die inszenierten Fakten mit denen der Realität zusammen, auch wenn Namen von Personen und Lokalitäten frei erfunden sind.
So trinkt Oberbürgermeister Siegfried Sikorski (Peter Meinhardt), der nach einem höheren Amt strebt, Bärenbräu mit seiner Seilschaft, repräsentiert von Brau-Unternehmer Jürgen Messerschmitt (Klaus Lembke) und Bau-Unternehmer Dr. Hagen Wüsthoff (Werner Galas). Die Spielorte selbst und die Begebenheiten sind gar nicht so frei erfunden: am Rande einer karnevalistischen Prunksitzung, beim Hochzeitsfest vor dem Rathaus, in einem Luxus-Resorts am Roten Meer, vor dem Sitzungssaal des Untersuchungsausschusses und schließlich im Vereinsheim des örtlichen Sportvereins.
Immerhin ist die gemeinte Hauptperson des Stückes heute Ehrenbürger der Stadt. Ein schmaler Grat, auf den sich Schanz begeben hat. Eine gnadenlose Satire hätte womöglich gerichtsfeste Konsequenzen nach sich gezogen. Und wer will schon, dass ein Bürger, der sich um die Stadt verdient gemacht hat, bloßgestellt wird? Er ist doch einer von uns, wie es im Stück so schön heißt.
In diesen Zwiespalt geriet auch das Publikum bei der Premiere am Donnerstagabend im Kleinen Haus. Das Lachen schien den meisten Besuchern im Halse stecken geblieben zu sein – aus Pikiertheit (weil sie Parallelen zum eigenen Handeln sehen), Peinlichkeit (weil sie die vermeintlichen Haupt- oder Nebenpersonen kennen), Überforderung (weil sie Probleme haben, dem Inhalt, der in Versen vorgetragen wird, zu folgen) oder Langeweile (weil sie mit dem Thema überhaupt nichts anfangen können), wer weiß das schon?
Schanz wäre gut beraten gewesen, wenn er sich einen charismatischeren Hauptdarsteller gesucht hätte. Alle, ob seine Männerfreunde (Klaus Lembke und Werner Galas), sein persönlicher Referent (Björn Jacobsen), seine Büroleiterin, Lebensgefährtin und Braut (Kathrin Reinhardt), die Praktikantin (Louisa von Spies), die Putzfrau und Bürokraft (Marianne Heinrich) und allen voran der Journalist Orest Beutler (Tilmar Kuhn), waren prägnanter als Peter Meinhardt. Aber vielleicht ist auch die Rollenbesetzung pure Absicht der Inszenierung.
Die Idee der Schmierenkomödie mit politischem Hintergrund ist gut. Die Inszenierung ist äußerst kurzweilig, zwei Stunden vergehen wie im Flug. Die Premierengäste applaudierten ordentlich. Gerhard Glogowski war nicht im Publikum auszumachen.
Weitere Vorstellungen: heute, am 19. und 24. Juni jeweils um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.
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