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Von der Kunst der Verführung

Ein spannender Moment, bis Jan Vermeers „Mädchen mit dem Weinglas“ an der Wand hängt. Der Begriff „gerade“ ist bezüglich der Ausrichtung relativ, denn weder die Museumswände noch die Gemälderahmen sind perfekt rechtwinklig. Fotos: Peter Sierigk
 
Medienauflauf in der Gemäldegalerie: „Das Mädchen mit dem Weinglas“ hat einen dezenten Hintergrund erhalten, im Saal aber strahlt das Korallenrot ihres Kleides.

Ein großer Augenblick : Jan Vermeers „Mädchen mit dem Weinglas“ ist in der neu gestalteten Gemäldegalerie angekommen.

Von Marion Korth, 06.08.2016.

Braunschweig. Der große Augenblick ist da. Die Männer ziehen sich weiße Handschuhe an. Die leere Wand wartet schon. Auf dem Rollwagen davor steht der Schatz: ein echter Vermeer. Die behandschuhten Hände greifen zu. Der erste Karabinerhaken schnappt klickend ein, dann der zweite. Das Bild hängt.

„Das Mädchen mit dem Weinglas“ ist eines von insgesamt nur 36 Gemälden des holländischen Meisters und eines von fünf in Deutschland. Das Bild fand schon bald nach Vermeers frühem Tod – der Maler wurde nur 43 Jahre alt – 1697 seinen Weg nach Braunschweig in die Kunstsammlung des Herzogs Anton Ulrich. Deshalb sind die Experten sich sicher, dass es echt ist. Mit dem Interesse an Vermeer stiegen im 19. Jahrhundert nämlich die Zahl der ihm irrtümlich zugeordneten Werke und die Zahl der Fälschungen. „Es ist eines der bedeutendsten und wertvollsten Gemälde unserer Sammlung“, sagte Museumsdirektor Dr. Jochen Luckhardt.

Das „Mädchen mit dem Weinglas“ erhielt ihren endgültigen Platz, in dem Raum, in dem das Thema der Verführung kunstfertig in Szene gesetzt wird. Mit ihrem entwaffnend offenen Blick schaut sie dem Betrachter entgegen. Merkt sie denn nicht, wie der Mann im Zwielicht zu ihrer Seite sein Netz spinnt, sie zum Trinken animieren möchte, um dann – wer weiß das schon so genau – sein verwerfliches Spiel mit ihr zu treiben? Hilfe kann sie sich jedenfalls nicht erhoffen, die andere Gestalt hinten am Tisch ist schon vom Alkohol umnebelt, nur ein Schatten ihrer selbst, versunken vor sich hinstarrend.

Der Einzug des Vermeers zeigt es: Der Umbau des Museums geht in die entscheidende Phase, am 23. Oktober wird das Haus eröffnet. Rein optisch hat es eine komplette Metamorphose vollzogen. Inhaltlich setzt es auf seine großartige Sammlung, für die das Gemälde Vermeers steht.

Das korallenrote Kleid des Mädchens mit seiner ungeheuren Strahlkraft findet seinen Widerschein in der gleichfarbigen Wandbespannung rundherum. Auch im Museum wurde „gemalt“, mit Farben gespielt, Akzente gesetzt. „Es war der Wunsch unserer Besucher, dass das Haus heller, freundlicher, offener wird“, sagt Dr. Silke Gatenbröcker, die Leiterin der Gemäldegalerie. Bewusst habe man sich deshalb für einen helleren Farbkanon entschieden und sich vom Weinrot als klassischer Galeriefarbe abgewandt. In Zwiesprache mit den für jeden Raum ausgesuchten Werken wurden bestimmende Farben quasi herausgefiltert, Kontrastfarben dazugesellt, damit die Gemälde vor dem neuen Hintergrund ihre Wirkung entfalten können. „Die Wandbespannung ist kein Selbstzweck. Die Gemälde sollen sich auf ihr wohlfühlen“, sagt Gatenbröcker.
Wenn alle Gemälde hängen, wird jedes einzelne mit einer Akzentbeleuchtung aus dem Dämmerlicht geholt und werden wichtige Details für die Lesbarkeit des Bildinhalts betont. Nicht nur Vermeer widmete sich dem Thema der Verführung – auch die Museumsmacher wollen verführen – die Besucher zur Kunst.

Eröffnung

Der Termin steht fest: Am Sonntag (23. Oktober) öffnet das Herzog-Anton-Ulrich-Museum nach siebenjähriger Sanierung wieder seine Pforten. Der Eröffnungstag ist dem Publikum gewidmet und wird mit einem großen „Tag der offenen Tür“ begangen. Bis dahin müssen rund 4000 Objekte an ihren Platz gebracht werden. Durch die Sanierung und den Erweiterungsbau konnten rund 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche hinzugewonnen werden. Auch die Gemäldegalerie ist gewachsen, sodass nun 315 Gemälde (vorher 280) präsentiert werden können.
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