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Viva Verdi! Magische Momente greifen ans Herz

Starke Frauen in einer starken Oper: Prinzessin Eboli (Nana Dzidziguri, links) und Elisabeth (Ivi Karnezi). Foto: Jauk Don Carlo Oper in fünf Akten von Giuseppe Verdi Libretto von François Joseph Pierre Méry und Camille du Locle nach Friedrich Schillers »Don Karlos« in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Musikalische Leitung: Srba Dinic Inszenierung: Andrea Moses Bühne: Annett Hunger Kostüme: Adriana Braga Peretzki Chor: Georg Menskes Dramaturgie: Sarah Grahneis, Moritz Lobeck Philipp II.,

„Don Carlo“ von Giuseppe Verdi wird in der Inszenierung von Andrea Moses im Großen Haus begeistert gefeiert

Von Ingeborg Obi-Preuß, 22.09.2017

Braunschweig. Magische Momente im Großen Haus – die Hauptrolle singt das Orchester. Was für eine Musik. Die scheinbare Einfachheit, mit der Verdi bei „Don Carlo“ ans Herz greift, kann das Staatsorchester unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Srba Dinic perfekt transportieren.

Traumhaft und ergreifend tragen die Töne die Handlung, ein Drama der Ideen und Leidenschaften, das Sogwirkung entfaltet. Regisseurin Andrea Moses setzt direkt von Beginn an auf dramatische Spannung und emotionale Kraft. „Games of Thrones“ ist nichts dagegen.

„Nicht so einfach zu knacken“, warnte Dramaturg Moritz Lobeck in der Einführung ein wenig, „weder für das Publikum noch für uns – und auch für Verdi nicht.“ So legte der Meister an die ursprüngliche Fassung zur Premiere vor rund 150 Jahren immer wieder Hand an, änderte, kürzte.

Drei Stunden, 40 Minuten Spielzeit sind es immer noch. Andrea Moses hat sich für die Fassung mit fünf Akten entschieden. Das ist lang. Aber – vor allem bis zur Pause nach dem dritten Akt – vergeht die Zeit wie im Flug.

Gleich der Auftakt ist furios. Wir befinden uns um 1560 im spanischen Königreich, Philipp II. regiert mit harter Hand, die Inquisition kontrolliert alles und jeden. Doch die Weltherrschaft bröckelt, in Flandern muckt eine Gemeinschaft von niederländischen Händlern und Teilen des Adels gegen die eiserne Faust aus Spanien auf. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Dauerrivalität mit Frankreich zu beenden, die Kräfte gegen Flandern zu sammeln.

Also – eine Hochzeit: Der spanische Infant Carlo soll Elisabeth von Valois, Tochter des französischen Königs, heiraten. Das läuft wunderbar, die fast gleichaltrigen Teenager verlieben sich heftig ineinander. Das Glück wird abrupt zermalmt, als Carlos Vater Elisabeth für sich beansprucht.

Eine starke Szene, wenn die Hofdame Eboli (Nana Dzidziguri) ihrer Herrin die Nachricht überbringt, dass sie den Vater (Ernesto Morillo) ihres Geliebten heiraten soll, ja muss, denn von dieser Heirat hängt das Glück der Menschen ab. „Das Volk“, in diesem Fall der glänzend aufgestellte Chor, kommt durch die Seitentüren ins Große Haus, feiert die Nachricht von der Hochzeit und die Aussicht auf Frieden. Das Publikum mittendrin.

Kluge Personenführung lässt hier das dramatische Dilemma der jungen Frau überdeutlich werden – alles hängt von ihr ab. Berührender Verzicht auf eine große Liebe. Aber es geht um viel mehr. Es geht um den Krieg mit den Niederlanden, die Unterwerfung des Aufstands dort, den Beginn eines Lebens in Freiheit und Hoffnung. Das sind die Themen dieses aufrüttelnden „Don Carlo“.

Und die Kraft in diesem hochkonzentrierten Lehrstück für menschliches Überleben in autoritären Strukturen geht von den Frauen aus. Während Carlo an dem Verlust seiner Geliebten fast verzweifelt, übernimmt Elisabeth fast stoisch die Verantwortung. Der sterile Staat überwacht und unterdrückt, auf dem Volk wird gnadenlos herumgetrampelt. Einer ihrer Exponenten ist Marquis Posa (Eugene Villanueva), ein Jugendfreund von Carlo, der diesem rät, statt länger über sein verlorenes Glück zu trauern, sich doch für die Rechte der Unterdrückten einzusetzen. Das wäre aber nicht nur ein Affront gegen den Vater, sondern auch gegen die katholische Kirche, die mit ihrem Großinquisitor die eigentliche Macht im Staate ist.

Die Bühne (Annett Hunger) betont mit nackten Planen diese kalte Atmosphäre, das Licht (Frank Kaster) ist großartig gesetzt, kühl, grau, aber funkelnd und strahlend unterstreicht es die bildgewaltige Inszenierung: Das Volk, das berührend um Erbarmen fleht, die Ketzer, die geschunden über den Bühnenboden kriechen, getreten werden und schließlich in Feuer und Qualm im Boden versinken – ganz starke Bilder. Tiefe Abgründe, bewegend in Szene gesetzt.

Andrea Moses hat eine unbezwingbare Elisabeth ins Rennen geschickt, die sich am Schluss in eine hoffentlich freie Zukunft rettet, Ivi Karnezi singt und spielt sie großartig. Wie übrigens das gesamte (fast durchweg neue Ensemble), mit schönen kraftvollen Stimmen glänzt. Die Kostüme (Adriana Braga Peretzki) lassen Fragen offen, manche historischen Zitate erschließen sich nicht, vor allem die Kleider von Elisabeth könnten schöner sei.
Das Publikum ist völlig begeistert, die nächsten Aufführungen sind am 24. September, 6., 13., 22. und 28. Oktober.
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