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Vibrierender Wahnsinn: „Und ich dachte immer, Gott gibt es gratis“

Unverstanden: John Baxter (Roman Konieczny) verhandelt angeregt mit seinem Verstand. Foto: B. Hickmann.
 
Essen zu dritt: An diesem Tisch sieht die Blinde (Vanessa Czapla, hinten links) die tote Tochter zwischen ihren Eltern sitzen (Roman Konieczny, Christiane Motter). Foto B. Hickmann

Großartige Verzweiflung im Kleinen Haus: „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ trifft ins Mark

. Von Fabian Schulze, 21.10.2017.

Braunschweig. Der Vater hält die Negative der Familienbilder ins Licht. Darauf spielt glücklich die kleine Tochter. Heute ist die Tochter tot und der Vater betrunken. Im Pool ertrinkt die Fünfjährige, in Schuldgefühlen ertrinken ihre Eltern.

John und Laura Baxter fliehen nach Venedig. Doch die Tote lässt sie nicht los. Im Restaurant wird sie sogar von einer Blinden gesehen. Sie suche Kontakt zu ihrem Vater, meint die Blinde mit dem „zweiten Gesicht“. „Das ist verrückt!“, meint John. Doch das heißt nicht, dass es nicht wahr ist, wird er bald meinen. Es beginnt ein Ringen um den eigenen Verstand.

Die Interpretation des Bühnenstücks von Christoph Diem, das jetzt Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters feierte, ist an die des Films von Nicolas Roeg gelehnt: Beide reihen Bilder und Szenen gekonnt ruckartig aneinander. Das Bühnenbild wird dominiert von Türen, Toren und Spiegeln. Sie trennen und verbinden die Szenen schwellenartig. Der vibrierende Wahnsinn der Protagonisten hält alles zusammen. Ein Element kommt auf der Bühne dazu: die Indie-Pop-Band „Next Stop: Horizon“.

Ihr Soundtrack gibt dem Wahn eine Textur. Er gibt den Ton an und bleibt doch unaufdringlich. Die Musik erinnert an Horrorfilme der 80er; Synthesizer verfremden den Klang. Das Publikum applaudiert mittendrin spontan. Musik und Schauspiel verstehen sich prächtig.

Ganz anders John und Laura Baxter. Ihre Stimmen verfehlen einander. Manchmal ein tinitusartiges Piepen. John versucht den Dialog mit italienischen Polizisten und Rezeptionisten, am Ende auch mit dem Publikum: „Verstehen Sie mich?“ ruft er in den Saal. Keine Antwort.

Mit dem Verstand kommt man diesem Stück ohnehin nicht bei. Es ist Gefühlstheater. Seine Rasanz nimmt mit dem Anruf des Schulleiters zu: Der Sohn habe sich bei einem Ausflug verletzt. Die Mutter flieht sich in Fürsorglichkeit, fliegt sofort zum verbliebenen Kind. Zurück bleibt John, der sich nun wie ein Kreisel um die eigene Achse dreht. In ihm mischen sich Hirngespinste mit Wirklichkeit. So auch im Publikum.

Alle Schauspieler überzeugen, doch heraus ragt Roman Konieczny als John Baxter. Kein Zweifel besteht an seiner Verzweiflung. Und er bringt Humor in das Tragische. So subtil ist dieser Humor – und so subtil muss dieser Humor auch sein – dass man nicht sicher sein kann, ihn bemerkt zu haben. John droht zuletzt den Kontakt zur Realität zu verlieren. Stattdessen reicht ihm scheinbar die tote Tochter die Hand.

Am Ende Applaus mit Händen und Füßen – die Band muss eine Zugabe spielen. Das Publikum steht nur zögerlich auf; zu tief sitzt der Eindruck.
Nächste Aufführungen
Samstag (21. Oktober), 19.30 Uhr, Kleines Haus, Einführung um 19 Uhr.
Sonntag (22. Oktober), 19.30 Uhr, Kleines Haus, Einführung 19 Uhr.
Donnerstag (28. Oktober), 19.30 Uhr; Freitag (29. Dezember), 19.30 Uhr; Samstag (30. Dezember), 19.30 Uhr und Sonntag (31. Dezember), 18 Uhr, alle im Kleinen Haus.
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