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„Vergessen dürfen nur die Opfer“

Ulrich Chaussy beim Gespräch im Café des Universum-Filmtheaters. Foto: André Pause

Der Autor und Journalist Ulrich Chaussy kam auf Einladung des Presseclubs nach Braunschweig.

Von André Pause, 05.02.2014.

Braunschweig. Zehnmal habe er „Der blinde Fleck“, bevor der Film ins Kino kam, gesehen, nun aber schon eine Zeit gar nicht mehr, verriet Ulrich Chaussy launig, und gesellte sich ins Auditorium. Der Journalist kam auf Einladung des Presseclubs Braunschweig ins Universum-Filmtheater.

Der Film, dessen Drehbuch Chaussy zusammen mit Regisseur Daniel Harrich geschrieben hat, ist eine Melange aus Spielfilm und dokumentarischer Aufarbeitung des Oktoberfestattentates in München vom 26. September 1980. Zahlreiche Originalaufnahmen sind in die fiktionalisierte Geschichte verwoben: Fröhliche Oktoberfestbesucher werden gezeigt, dann markiert ein kräftig gehauener Lukas den Gongschlag zum Switch in die markerschütternde Bildergalerie des Schlachtfeldes Theresienwiese. Insgesamt 13 Menschen kamen hier ums Leben, mehr als 200 Personen wurden verletzt, ein großer Teil davon schwer.
Seit gut 30 Jahren kämpft der Reporter des Bayerischen Rundfunks gegen die Einzeltätertheorie. Gemeinsam mit Opferanwalt Werner Dietrich (im Film gespielt von Jörg Hartmann) angestellte Nachforschungen nährten schon früh die Zweifel an einem terroristischen Alleingang des Gundolf Köhler. Der Film, in dem Chaussy von Benno Führmann (Chaussy: „Er macht das gut!“) verkörpert wird, macht noch einmal das Dilemma des Kampfes gegen die bürokratischen Windmühlen deutlich, zeigt, wie der bayerische Staatsschutz aus politischen Gründen – der Bundestagswahlkampf 1980 mit Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat befand sich in den letzten Zügen – den evident rechtsradikalen Hintergrund des Attentats nicht stringent verfolgt, wesentliche Zeugenaussagen unberücksichtigt lässt.
Die Mechanismen des Ausblendens, des Vergessens von damals seien den heutigen sehr ähnlich, findet Chaussy mit Blick auf die NSU-Morde und die Verstrickungen von Täterschaft, Politik und Verfassungsschutz. Außerdem spiele die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bis heute „toter Käfer“. Insgesamt 511 Asservate des Falles wurden unlängst vernichtet. Eine Wiederaufnahme der Ermittlungen mit neuen DNS-Methoden kam unter anderem deshalb nicht zustande. Der Journalist setzt darauf, dass weitere Verwahrstücke vorhanden sind, und die Suche damit weitergehen kann. „Wenn Menschen vergessen dürfen, so sie das können, dann nur die Opfer“, betont Ulrich Chaussy.
Er selbst habe aufgrund der heiklen Recherchen zwar keine konkrete Angst um sein Leben gehabt. Dennoch war ihm klar: „Wenn ich mich mit dem Staatsschutz beschäftige, wird der sich auch mit mir beschäftigen. Im Film wurden Bilder für die Paranoia gefunden. Es war schon ein Weg in die Isolation, und ich war zeitweilig auch angefasst. Immerhin habe ich Unterlagen besessen, die ich nicht besitzen durfte.“
„Der blinde Fleck“ zeichnet diese beklemmende Situation mit klarer Kontur. Parallel zum Film ist Ulrich Chaussys akribische Spurensuche zudem in seinem im Berliner Ch. Links Verlag erschienenen Buch „Oktoberfest – Das Attentat“ dokumentiert.
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