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UFOs über dem Kirchentag

Fünf tolle Alben aus den Quartalen zwei und drei. Foto: Pause

Pauses Plattenkiste: Neue Pop-Hoffnungen und verschleppte Alben.

Von André Pause, 27.08.2014.

Braunschweig. Ist das ein Sommer ... Also Kaminfeuer anmachen und Musik hören. Ein paar bemerkenswerte Scheiben aus den vergangenen Monaten.

Sleaford Mods – Divide and Exit: Kodderschnauze aus Nottingham, monotone Beats, pumpender Bass, schroffe Gitarre – die Zutatenliste der grandiosen Hip-Hop-Punk-Melange von „Divide and Exit“ ist angenehm kurz. Sänger und Musiker Jason Williamson schafft mit DJ Andrew Fearn aus Um-die-Ecke-Alltag politische Miniaturen, die auf den Punkt kommen. Die Wut und Ohnmacht über den gesamtgesellschaftlichen Status quo in Großbritannien wird regelrecht ausgespien. Musik, die in die Zwölf tritt – auch rar geworden ...

The Shoe – I’m Okay: Das ist dann wohl das Album, das US-independent-Aktrice Jena Malone („Die Tribute von Panem“, „Sucker Punch“) gemeinsam mit Kumpel Lem Jay eigentlich schon vor drei Jahren veröffentlichen wollte. Damals erzählten mir die beiden beim Februarspaziergang im Berliner Tiergarten: „Bald, im Mai oder so.“ Aus Mai 2011 wurde Juni 2014, und aus leicht verstiegenen Arrangements wurde im Schmerz schwelgender Pop mit klarer Stimme.

Morrissey – World Peace Is None of Your Business: Immer wieder mal hört man irgendwo irgendjemanden quaken, Morrissey sei nur zu The-Smith-Zeiten wirklich gut gewesen, ohne den Gitarrenhelden Johnny Marr nur die Hälfte wert, et cetera, et cetera: elendes Gesülze. All jenen, die dem vielleicht einflussreichsten Pop-Musiker des 20. Jahrhunderts nur zu gerne mangelnden Veränderungswillen unterstellen, knallt Morrissey jetzt eine Packung Weltmusik vor den Latz. Mit Flöten und Flamenco-Gitarren war nicht unbedingt zu rechnen. Inhaltlich bleibt sich der alte Quertreiber dagegen angenehm treu. Stierkampf, Leistungsdruck, Männlichkeitswahn – da gibt es genug zu ätzen.

Alvvays – Alvvays: Klingt wie X, klingt wie Y, klingt wie Z – das beliebte Spielchen „Ich höre was, was du auch hörst“ ließe sich mit den kanadischen Indie-Rockern bis zur Erschöpfung durchexerzieren. Neun Dream-Surf-Fuzz-Pop-Hymnen umfasst das selbstbetitelte Debütalbum von Alvvays. Derart grandios zum Funkeln gebracht haben die Melancholie zuletzt die Herrschaften von Veronica Falls. „Archie, Marry Me“, „Next of Kin“ oder „Atop a Cake“ stechen aus dem phänomenalen Erstling besonders hervor.

Niels Frevert – Paradies der gefälschten Dinge: Zuhören, sonst geht’s nicht! Meister Frevert erzählt zu Gitarre, Piano sowie Bläser- und Streicherarrangements die Geschichten, die Trillionen von deutschen Liedermachern gerne zum Besten geben würden. Allein: Sie haben sie nicht auf Tasche. Mal sind sie anrührend, wie bei „Das mit dem Glücklichsein ist relativ“, wo ein Heiratsantrag eigentlich schon misslingt, das Gutausgehen des Ganzen aber doch noch in den Raum gestellt wird, mal beklemmend, wie bei „Schwör“: ein Telefonat mit einem Freund in der Psychiatrie. Dann wiederum werden skurrile Beobachtungen zum Plot. Wer wissen möchte, was es mit dem „UFO“ senkrecht über dem Kirchentag in Hamburg auf sich hat, muss das „Paradies der gefälschten Dinge“ hören.
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