Anzeige

Über den Rassismus im Alltag

Sudan-Flüchtling Samir (Sven Hönig) ist wütend. Er beklagt eine Gesellschaft, die ausschließlich auf der Kultur des Geldes beruht. (Foto: Volker Beinhorn)
 
(Foto: Volker Beinhorn)

Premiere des Dokumentarstücks „Fliehen & Forschen“ der werkgruppe2 im Kleinen Haus

Von André Pause, 30.03.2015.

Braunschweig. Seit 2013 arbeiten die werkgruppe2 und das Staatstheater Braunschweig zusammen. Der Umstand, dass die aktuelle Produktion „Fliehen & Forschen“ bereits die dritte dokumentarische Arbeit zum Themenschwerpunkt Migration /Arbeitsmigration ist (die Zweite durch den „Doppelpass“-Fonds der Kulturstiftung des Bundes geförderte), führte sicher manchen der Premierenbesucher mit der Befürchtung ins Kleine Haus, dass es ein eher weniger prickelndes „More of the same“-Erlebnis geben könnte.

War das Ergebnis der ersten Zusammenarbeit zur Arbeitsmigration („Polnische Perlen“) gefühlsmäßig beinahe überwältigend, so geriet die Reise zur verlassenen Generation in Rumänien mit dem Stück „Erdbeerwaisen“ zuletzt nur bedingt überzeugend. Was weiland vor allem dem sprachlichen Spiel über Bande sowie der weitestgehenden Loslösung von Rollen im klassischen Sinne geschuldet schien. Nun also das dritte Mal Theater auf Grundlage von transkribierten und verdichteten Betroffeneninterviews. Nur, dass bei dieser Produktion nicht Gastarbeiter oder die von ihnen zurückgelassenen im Blickpunkt stehen, sondern Flüchtlinge und Wissenschaftler, die aus Krisenländern nach Braunschweig kamen.

Das Stück wird mit den Befürchtungen im Bedenkenträger-Kopf bedingt fertig. Zwar bringt es den Besucher im Sinne des verhandelten Stoffes in die Nachdenke, und es führt ihm den Kampf und die Schwierigkeiten der betroffenen Menschen auch glaubhaft, mitfühlbar und schlüssig vor Augen. Allerdings bleibt „Fliehen & Forschen“ über weite Strecken im Modus der szenischen Lesung stecken. Recht zäh gleich der Beginn: Die Mitglieder des siebenköpfigen Ensembles, alle schlüpfen in die Rolle mindestens eines Interviewpartners, schildern zu Pianoklängen der Reihe nach ihre Geschichte im Schnelldurchlauf. Dabei werden Informationen allzu sehr gepfropft. Tilla Kratochwil beispielsweise überschlägt sich fast, wenn sie die Odyssee des afghanischen Flüchtlingskindes Leyla erzählt.

Das sich durch die Vorlage beinahe zwangsläufig ergebende Manko im Spiel kompensieren Regisseurin Julia Rösler und das Team der werkgruppe2 bevorzugt mit Musik. Kim Efert (Gitarre), Antonis Anissegos und Philip Zoubek (beide Klavier) lenken die zwischen Harmonie und Disharmonie oszillierende Stimmung. Auch die Wut und die Empörung über den Zustand der Willkommenskultur im Land ist ein wesentlicher Faktor. Vor allem Sven Hönig als Sudan-Flüchtling Samir und Mattias Schamberger als Maschinenbauprofessor Kadir Hemidi aus Syrien dürfen ordentlich Zorn zeigen. Eine Gesellschaft, die nur auf der Kultur des Geldes beruht beklagt im Resümee der eine. Der andere, immerhin seit drei Dekaden im Besitz eines deutschen Passes, kriegt sich gar nicht mehr ein, ob der bürokratischen Mühlen, die verhinderten, dass er seinen betagten Vater zu dessen Lebzeiten nach Deutschland holen konnte. „Ich kann nicht als Beduine gegen das System vorgehen. Das ist nicht Weise“, lässt Schamberger jenen Professor sagen, der im nächsten Atemzug zu verstehen gibt, beim Thema Migration vom Meinungsbild Thilo Sarrazins gar nicht so weit entfernt zu sein.

Das ist dann beinahe so surreal wie die Annäherung der gespielten Fremden in Folklore-Klamotte an Einheimische (die Rollen übernehmen Besucher der Vorstellung) beim Tanz zum Radetzky-Marsch. Diese Momentaufnahme zeigt: Mögen die Fremden auch ähnliche Erfahrungen mit Alltagsrassismus oder behördlichen Entscheidungen gemacht haben, die Sache ist letztlich wohl um Längen komplexer, als das gewollt greifbare Bild für den hiesigen Bürokratenwahn – ein Formular-Regen vom ersten Rang.

Zu sehen ist "Fliehen & Forschen" wieder am 2., 10., 17. und 25. April sowie am 9. Mai und 25. Juni. Weitere Infos unter www.staatstheater-braunschweig.de.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.