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„True Stories“: von uralter Mystik und den Wunden der Zivilisation

Beeindruckende Performance des Bangarra Dance Theatre anlässlich des Movimentos Festivals

Von Birgit Leute

Wolfsburg. Eine dunkle Bühne, knarzende Neonblitze, ein Mann, der sich verzweifelt die Kleider vom Leibe reißt, den Körper voller Wundmale: „X300“ ist sicher der verstörendste Teil der „True Stories“, die anlässlich der Movimentos Festwochen in der Autostadt aufgeführt wurden.

Mit ihrem Stück liefert die aus-tralische Compagnie „Bangarra Dance Theatre“ eine Lehrstunde in Sachen Geschichte. Nicht die der Weißen, nicht die des siegreichen Commonwealth, sondern diejenige der Ureinwohner. In beklemmenden Bildern erzählt die Choreografin Frances Ring in „X300“ von einem der dunkelsten Kapitel australischer Vergangenheit, von den Kernwaffentests, die die weißen Kolonialherren in den 50er Jahren in der – angeblich – unbewohnten Victoria-Wüste abhielten.
Völlig unvermittelt bricht die Gefahr in eine ganz in Grün getauchte Idylle. Mit brüsk abgebrochenen Drehungen und Hebungen reagieren die Tänzer auf die Wirkung der Strahlung, die damals ohne Warnung über die Ureinwohner kam. Genauso beeindruckend: Patrick Thaiday, der – nackt und verletzlich – mit jeder Bewegung einen feinen weißen Staub aufwirbelt, der sich über die Szenerie legt.
Keine Frage: Frances Rings Ästhetik ist schön, nimmt gefangen und ist doch gleichzeitig bedrückend. „X300“ ist damit der Gegenpol zum ersten Akt von „True Stories“ mit dem Titel „Emeret Lu“, zu deutsch „Sehr alte Dinge“. In ihm verknüpft die Choreografin Elma Kris auf ideale Weise die rituellen Tänze, Beschwörungen und Danksagungen der Aborigines mit Elementen des Modern Dance. „Emeret Lu“ ist weder Ethno-Pop noch Touristenspektakel, sondern eine respektvolle Verneigung vor der jahrtausendealten Kultur der Ureinwohner.
Zu Recht lobte der künstlerische Leiter der Movimentos Festwochen, Bernd Kauffmann, „True Stories“ und die rein aus Aborigines bestehende Compagnie als die beste Versinnbildlichung des diesjährigen Festival-Mottos „Verantwortung“. Minutenlange Stille vor starkem Applaus.
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