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Tiefer Blick in den Abgrund

In Ibsens „Wildente“ geht es um die Wahrheit und um Leben und Tod: Auf dieser Bühne ist das Ensemble dem Publikum fast völlig schutzlos ausgesetzt. Probenfoto: Volker Beinhorn
 
Das Bühnenbild ist einfach (und) genial: Schauspieldramaturgin Christine Besier (links) und Bühnenbildnerin Kathrin Frosch setzen auf die Stärke des Textes und die der Schauspieler. Zu viel Requisite würde nur ablenken. Foto: T.A.

In Ibsens „Wildente“ werden Lebenslügen entlarvt und Lawinen ins Rollen gebracht.

Von Marion Korth, 09.04.2014.
Braunschweig. Skandinavisches Design besticht durch Schlichtheit und Funktionalität, dennoch hätte Henrik Ibsens Theaterstück „Die Wildente“ ein bisschen Samt und gedrechseltes Holz hergegeben, schließlich spielt das Ganze im Norwegen des 19. Jahrhunderts. Oder besser: spielte. Am Sonnabend hat „Die Wildente“ Premiere.

Die Inszenierung von Stephan Rottkampf am Staatstheater Braunschweig holt den Stoff ins Hier und Heute, in eine Zeit, in der die Zeit keine Rolle spielt. „Keine Übertragungsleistung“, wie Schaupieldramaturgin Christine Besier betont. „Die Konflikte kennen wir alle vorwärts und rückwärts, da hat sich nichts verändert.“ Der Rahmen für die Charakterstudie ist so schnörkellos wie raffiniert. Skandinavisches Design neu interpretiert. Kathrin Frosch hat das Bühnenbild entworfen, sie mag das Minimalistische. „Ich arbeite meistens reduziert. Es muss nicht alles bebildert werden, was der Text sagt.“
Ibsens Text ist stark: Sätze, die belanglos daherkommen, und deren wahre Bedeutung zeitverzögert frösteln lässt. Sein Thema ist die Lebenslüge in allen Facetten, deren Zerstörungskraft sich mit voller Macht entlädt, als sie aufgedeckt wird. „Ich finde das wahnsinnig spannend“, sagt Christine Besier. Henrik Ibsen als Meister der menschlichen Abgründe, eine Handlung voller Krimidramaturgie. Das Publikum weiß etwas, von dem die auf der Bühne noch nichts ahnen – und sieht Unheilvolles kommen.

Die Idee zum Bühnenbild ist nicht einfach da, sie entsteht, ist das Ergebnis akribischer Arbeit. Gespräche zwischen Regisseur und Bühnenbildner, in denen jeder seine Haltung dem Text gegenüber, sein persönliches Assoziationsfeld auf den Tisch legt, offen, vorbehaltlos. „Es gehört Mut dazu, eine Behauptung aufzustellen, und Mut, zuzugeben, dass sie vielleicht nicht stimmt, und man sich auf dem Holzweg befindet“, sagt Kathrin Frosch. Mit ihrem Bühnenbild befindet sie sich auf dem Holzweg, der in diesem Fall kein Irrweg ist. Es riecht wie in der Holzabteilung eines Baumarktes, es fallen Späne. Die Bühnenbauer arbeiten schnell und konzentriert, am Abend soll es ernst werden. „AMA“ heißt die Abkürzung für „alles mit allem“. Bühnenbild, Beleuchtung, Kostüme, die Schauspieler erstmals mit voller Maske – die Puzzleteile werden zusammengesetzt, immer ein spannender Schritt in der Probenarbeit. Dann zeigt sich, ob das Weglassen seine Kraft entfaltet, die Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche als Beschwörungsformel wirkt, und das Kopfkino beginnen kann.

Drei Welten sind zu erzählen. Eine goldene, in der Konsul Werle die Honoratioren der Stadt zum festlichen Abendmahl empfängt. Ein Dachboden, auf dem sich scheinbar normales Leben abspielt, auf dem sich Menschen eingerichtet haben, eine Art Provisorium, aber für sie schon lange das Bekannte, Altvertraute. Und dann in den Tiefen des Raums das Bizarre, Groteske, das Unfassbare. Eine dritte Welt. Ein nachgebildeter Wald, in dem die waidwunden Charaktere Ibsens auf Jagd gehen, halbzahme Tiere töten und sich der Illusion an gute Zeiten hingeben.

Wie stellt man so etwas dar? Um diese Frage tobte die größte Schlacht der Meinungen und Vorschläge. Tiere auf der Bühne, eine grauenvolle Vorstellung. Plüschtiere? „Nein, das geht nicht. Das ist keine Spielwelt, da fließt Blut“, sagt Besier. Kathrin Frosch hatte kurz an eine Videoinstallation mit Bildern aus der Massentierhaltung gedacht – und sie wieder verworfen, da sie zu weit weg von den Figuren führt. Dem Publikum bleiben Schlachthausszenen somit erspart, nicht aber das Nachdenken darüber, wie groß das selbstgezimmerte Lügengebäude werden darf. Eine pauschale Antwort darauf gibt es für Christine Besier nicht: „In der Lebenslüge steckt der Selbstbetrug, aber auch ein gewisser Schutz.“ Wer hinter die Fassaden der Scheinwelt schaut, wird einen Menschen entdecken, der trotz allem seine Würde hat, oder aber einen Feigling.

Das Schauspiel „Die Wildente“ von Henrik Ibsen ist ab dem 12. April im Großen Haus des Staatstheaters zu sehen.
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