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Terror – Aus der Mitte der Gesellschaft

Frank Erhard, Dr. Hans-Ulrich Ludewig und Professor Dr. Michael Wettern (von links) in der Gedenkstätte Schillstraße. Foto: Anne-Sophie Wittwer
 
Das Warenhaus Frank mit zerstörten Fenstern im März 1933, nachdem SS-Männer in Zivil in einem „Warenhaussturm“ zwölf Scheiben zertrümmerten.

75. Jahre Reichspogromnacht: Vortragsveranstaltung in der Gedenkstätte Schillstraße.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 10.11.2013.

Braunschweig. In Braunschweig begann die Vertreibung und Ausplünderung der jüdischen Mitbürger früh und war besonders schlimm – das belegten die Historiker Frank Ehrhardt, Dr. Hans-Ulrich Ludewig und Professor Dr. Michael Wettern in der Gedenkstätte Schillstraße.

„Die Reichspogromnacht vor 75 Jahren war kein isolierter Gewaltausbruch, sondern ein Höhepunkt in einem Prozess der Ausplünderung und Vertreibung, der bereits 1933 begonnen hatte“, sagte Frank Ehrhardt, Leiter der Gedenkstätte Schillstraße, bei einer Vortragsveranstaltung. Am Beispiel bekannter Braunschweiger Namen wie Richard Schmand, Hamburger & Littauer sowie Adolf Frank zeichneten die drei Wissenschaftler ein feines Bild vom Leben und Schicksal dieser Menschen, ihrer Familien, ihrer Firmen. Und vom Untergang ihres Lebens in Braunschweig durch Vertreibung, Deportation, Flucht. Außerdem gingen sie der Frage nach, wer schlussendlich profitierte, wer die Geschäfte übernommen hat, und ob und wie nach 1945 Entschädigungen gezahlt worden waren.

Ein düsteres Kapitel – besonders auch für Braunschweig. „Was Gewalt und Terror angeht, lag Braunschweig schon im Frühjahr 1933 weit über dem Reichsdurchschnitt“, sagte der Historiker Dr. Hans-Ulrich Ludewig. Bis 1938 seien diese Übergriffe und Aktionen nicht von staatlichen Ebenen organisiert oder angeordnet worden, „es funktionierte aus der Mitte der Gesellschaft heraus.“ Kunden jüdischer Kaufhäuser wurden registriert, die Werbung dieser Geschäfte durfte nicht mehr gedruckt werden. Ein absurdes Beispiel: Drei Ehefrauen von IHK-Vertretern waren beobachtet worden, wie sie in einem jüdischen Kaufhaus eingekauft hatten. Die Männer mussten ihre Ämter niederlegen.

Auch den sogenannten Kaufhaussturm vom 11. März 1933 führte Ludewig an. Die Nationalsozialistische Handwerks-, Handels- und Gewerbeorganisationen NS-Hago hatte diese Aktion organisiert, der Kampfbund überfiel Warenhäuser, insbesondere die in jüdischem Besitz. „Aber auch Karstadt wurde überfallen und boykottiert“, sagte Ludewig. Die Hago gab an, durch die Zerschlagung der Konkurrenz den Mittelstand und kleinere Einzelhandelsgeschäfte stärken zu wollen. In diesem Klima der Gewalt seien jüdische Kaufhausbesitzer auch von ihren eigenen Angestellten im Stich gelassen worden.

Schritt für Schritt wurden die jüdischen Besitzer aus ihren Geschäften gedrängt. Ludewig und Professor Dr. Michael Wettern skizzierten die Geschichte des Geschäftes Hamburger & Littauer, das nach der „Arisierung“ Rossbach und Risse hieß. Doch Mitinhaberin Paula Rossbach wurde das Zusammenleben mit dem Juden Siegfried Fröhlich zum Verhängnis. Fröhlich wurde wegen „Rassenschande“ angezeigt und inhaftiert. „Nach 1948 machte Paula Rossbach ihre Ansprüche geltend und einigte sich mit dem Ehepaar Risse außergerichtlich“, erklärte Ludewig.

Frank Ehrhardt stellte die Geschichte von Adolf Frank und seinem Kurzwarenkaufhaus in der Schuhstraße vor. „In der sogenannten „Reichskristallnacht“ wurden Herbert Frank und sein Schwager und Mitinhaber des Kaufhauses, Gustav-Elias Forstenzer, verhaftet und vorübergehend im KZ Buchenwald inhaftiert. Nach ihrer überraschenden Freilassung wanderte die gesamte Familie aus.“ Von ihrem Vermögen mussten sie „Fluchtsteuer“ und „Judensteuer“ bezahlen, für den Transfer des Restgeldes schließlich nach Amerika nahm die Bank 96 Prozent Transfergebühr. „Soviel zu den Profiteuren“, sagte Erhardt. Auch die Stadt Braunschweig habe profitiert, sie habe einen großen Teil der „frei“ gewordenen Häuser und Grundstücke übernommen.
„Nach dem Krieg gab es bis in die jüngste Vergangenheit mehrere Abkommen über Wiedergutmachungsleistungen“, erklärte Erhart, „das Thema, wem was gehört, ist aktuell, wie der jüngste Kunstfund in München zeigt.“ Ludewig spricht von einem „unbestellten Forschungsfeld, vor allem auf regionaler Ebene.“
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