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Steine, Staub und schräge Töne

Das Theater im Glashaus wandert „über Land und Mehr“ und sucht das Unbekannte im Bekannten.

Von Birgit Leute, 05.06.13

Braunschweig. Raus aus dem geschlossenen Raum, rein in die Stadt: Unter dem Titel „Über Land und Mehr“ erobert derzeit das TiG, das Theater im Glashaus, Braunschweiger Ecken. „Eine Expedition zu den Grenzen des Bekannten“, nennt es die künstlerische Leiterin Elke Utermöhlen.

Das Ziel an diesem leicht durchwachsenen Frühlingstag heißt Nußberg, und dafür haben neben Utermöhlen auch fünf Schauspieler und Regisseur Martin Slawig ihre festen Schuhe geschnürt.
„Uns hat immer wieder erstaunt, wie gut die Truppe die Stadt kennt“, sagt Utermöhlen über den Ursprung des Projekts. Erstaunlich deshalb, weil alle Schauspieler geistig behindert sind. „Bus, Bahn, die alltäglichen Wege – da kennt sich jeder aus“, widerlegt Utermöhlen so manches Vorurteil. Doch anders als mit Stadtplänen eroberten sich Menschen mit geistigem Handicap ihre Umwelt meist ganz praktisch – zum Beispiel per pedes. „Nichts anderes machen wir in dem Projekt“, sagt die künstlerische Leiterin.
Wohin die Reise geht, entscheidet übrigens nicht sie, sondern das gesamte Ensemble. Der Braunschweiger Hafen stand schon auf dem Programm und die Überreste der Braunschweiger Landwehr bei Ölper. Allerdings: „Über Land und Mehr“ ist nicht einfach bloß ein Wandertag: Die Plätze werden genauestens untersucht und später künstlerisch verwertet. „Oft widmen wir der alltäglichen Umgebung viel zu wenig Aufmerksamkeit. Mit der Aktion sucht das Ensemble sozusagen das Unbekannte im Bekannten und das Bekannte im Unbekannten“, bringt es Utermöhlen auf den Punkt.
Auch an diesem Tag zieht die Truppe mit Kameras, Sammeltüte, Richtmikro und Flatterband los. Auf dem Weg zur Aussichtsplattform auf dem ehemaligen Bunker, hebt Martin Slawig die Hand. „Seid mal ganz still, und hört auf die Geräusche“, weist er an: Kinderstimmen, Hundegebell, das ferne Rauschen des Autoverkehrs – der Park im östlichen Ringgebiet wird plötzlich zum Mikrokosmos. „Ziemlich viele Geräusche für eigentlich nichts, oder?“, sagt Slawig zu Frank Harborth, der Mikro und Aufnahmegerät in der Hand hält.
Wenig später verwandeln drei andere Schauspieler das Geländer des Aussichtsturms kurzerhand in einen Klangkörper: Mit Fingern und Fäusten bringen sie die Eisenstangen zum vibrieren und kreieren eine ganz eigene und über den Kopfhörer beeindruckende Musikperformance.
Nach zwei Stunden ist die Expedition „Nußberg“ zu Ende: die gesammelten Steine, Zweige, Blätter sind in Plastiktüten verstaut, Mikros und Kameras wieder eingepackt. Jetzt steht die Fleißarbeit an: „Das Material wird gesichtet und bildet die Basis für unsere Performance über „Land und Mehr“, sagt Utermöhlen. Zu sehen ist sie vom 29. bis 31. August anlässlich des Festivals „Wechselblick“ im Theaterstudio des Theaters Endlich in der Steinstraße.
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