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Statement auf der Zielgeraden

Die Tänzerinnen bleiben wie beim Mädelabend unter sich. Foto: Andreas Etter

Roy Assafs „Girls and Boys“ überzeugt eher durch Haltung als durch völlig neue Tanzideen.

Von André Pause, 16.11.2014.

Braunschweig. Den intensivsten Moment seiner einstündigen Tanzproduktion „Girls and Boys“ hat sich Choreograf Roy Assaf bei der Uraufführung im Kleinen Haus für den Schluss aufgehoben.

Die Köpfe der sieben Männer werden von der Damenriege nacheinander von Fuß und Bein erst umgarnt, dann umwickelt, lustvoll in den Schwitzkasten genommen, zerquetscht und schließlich kaltschnäuzig entsorgt. Die Männer werden getragen und sind dem weiblichen Geschlecht vielleicht gerade deshalb: ausgeliefert. Somit gibt es im Rahmen der ersten Tanzpremiere der laufenden Spielzeit doch noch ein Statement. Und das zu einem Zeitpunkt, als der Besucher schon nicht mehr unbedingt damit rechnet.
Es hätte auch etwas gefehlt. Selbst wenn Assaf im Programmheft wie folgt zitiert wird: „Trotzdem möchte ich keine Aussage zu etwas Bestimmtem machen, sondern den Blick eher offen halten, nicht spezifizieren.“ Das unmenschlich harte und doch so wunderbar wahre Ende legitimiert die zuvor zur Schau gestellte Oberflächlichkeit, eben weil sie sie entlarvt. Letztlich. Das Stück sucht den unbeschwert unverbindlichen Moment, wie er auch dieser Tage wieder en vogue zu sein scheint, in den Dekaden des vergangenen Jahrhunderts. Bloß nicht festlegen, lautet die Losung.
In der Rekapitulation macht das alles Sinn. Das Leben und auch die Bühne ist ein Laufsteg. Man kümmert sich um sich, höchstens noch um die Belange der Peergroup, um das eigene Wohlbefinden, hält den Körper fit im Sinne einer gelungenen Außendarstellung. Da tanzen die Damen im sehr klassischen roten Badeanzug Schlangenlinien und Ringelreihen, kokettieren, öffnen und schließen den Kreis, bevor jemand eindringen kann. Sie schlecken Eis, rauchen und Küssen in die Luft – alles schön synchron und in Formation. Und die Männer? Die lächeln und singen, singen und lächeln, überziehen die Situation mit Machogehabe und lassen die zunächst knackige Kampfsporthaltung dann doch nur in affig schlichter Pose münden. Die, die doch eigentlich so coole Säue sein möchten, sind nichts als in Uniformlook gesteckte Marionetten, die sich willig dem gesellschaftlichen Diktat beugen: und Tat, und Ruhe, und Tat, und Ruhe. Das ist der Takt.
Anspielungen auf Gender Mainstreaming gibt es auch. Das Abhandenkommen der Geschlechterrollen wird durch annektierte Bewegungsmuster dokumentiert. „Girls who are boys / Who like boys to be girls / Who do boys like they’re girls / Who do girls like they’re boys / Always should be someone you really love“, sang Blurs Damon Albarn schon 1994. In der Konsequenz bleiben die Gruppen auf der Bühne geschlechtlich homogen. Es wird sich lediglich begegnet.
Was bleibt? Sicherlich kein Füllhorn an neuen Tanzideen (jaja, ein paar schöne Bilder sind natürlich schon dabei). Eine Haltung allerdings hat der Abend. Dass die Trennung Männlein-Weiblein konsequent beibehalten wird, ist mit diesem Finale auch ein drastischer Fingerzeig in Richtung Single-Gesellschaft, Anspruchsdenken an das jeweils andere Geschlecht und nicht zuletzt die daraus resultierenden Separierungstendenzen. Die bedeuten nur im besten Falle Mädel- oder Männerabend.
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