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Stadtraum als Bühne für menschliches Verhalten

Paulien Oltheten vor einem der Billboards des Museums für Photographie. Fotos (2): André Pause
 
In ihren Videoprojektionen kultiviert Paulien Oltheten die Langsamkeit. Das wird für den Betrachter schon mal zur Geduldsprobe.

„A New Installation“: Im Museum für Photographie ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Paulien Oltheten in Deutschland zu sehen.

Von André Pause, 17.08.2014.

Braunschweig. Jeder Augenblick ist einzigartig, birgt er doch etwas Besonderes: ein Bild, das im Gedächtnis bleiben könnte. Meist allerdings verdrängen wir diese Momente, wie Kurt Tucholsky es im Refrain seines Gedichts „Augen in der Großstadt“ skizziert, schon kurze Zeit später: „Vorbei, verweht, nie wieder.“

Die niederländische Fotografin Paulien Oltheten (Jahrgang 1982, geboren in Nimwegen) ist eine Spezialistin für den Moment der Verdichtung. Skurrile Begebenheiten fängt sie ein, bestimmte Gesten und Haltungen, kleine Veränderungen während des Beobachtens von Situationen, die sie bisweilen – nicht zwangsläufig der Realität verpflichtet – weiter imaginiert. Jetzt ist Oltheten mit „A New Installation“, ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung außerhalb der Niederlande, in den Torhäusern des Museums für Photographie zu sehen. In ihren Arbeiten macht sie die Straße fotografisch oder filmisch zur Bühne. Die Künstlerin spielt mit den im Stadtraum agierenden Menschen. Dabei bleibt im Ergebnis unklar, in welchen Fällen sie in die Wirklichkeit eingreift, die Protagonisten über ihr Tun informiert und in der Kulisse inszeniert, und wann wiederum Bruder Zufall die Körper so skulpturiert, wie sie auf den in Größe und Qualität variierenden Bildern der Künstlerin zu sehen sind.
Olthetens ausgestellte Werke sind unter dem Strich immer ein kommunikativer Akt. Nicht nur, weil sie vereinzelt zwischenmenschliche Verbindungslinien neu definieren oder wie unter Brennglas vergrößert zur Geltung bringen, beispielsweise wenn eine in Teilen konfuse Ameisenarmee V-förmig Männerknie mit Frauenschenkel connected oder zwei Jugendliche beidhändig am Mobiltelefon zerren, so dass die Draufsicht als liegende Acht als Zeichen der Unendlichkeit gesehen werden kann.
Oft ist es auch die methodische Grundidee von Wiederholung und Abwandlung, die das Tor zur erzählten Geschichte öffnet. Dabei werden komplementäre Motive zum Plot. Dort wo eben noch drei junge Männer in Badehose auf einer Bank saßen, sind im Folgebild nur noch drei Nassflecken sichtbar.
Ist die Rezeption der Fotografien, denen in einigen Fällen kleine Skizzen beigefügt sind, eine ausgesprochen kurzweilige Angelegenheit, können Olthetens Videoarbeiten geradezu zur Geduldsprobe für den Betrachter werden. Hier kultiviert die Künstlerin die Langsamkeit. Einmal bleibt man da vielleicht dran: Wenn sie sich in die Rolle einer von ihr über einen längeren Zeitraum beobachteten betagten Frau begibt und versucht in deren – altersbedingt – entschleunigtes Empfindungsreich einzutauchen.. Schon der nächste Film, in dem Oltheten die zeitlupenartigen Bewegungen eines Mannes im hektischen und kalten Großstadtgewusel zeigt, wirkt dagegen allzu gewollt und dennoch ziellos. Mit der durch die Fotografien verströmten poetischen Grundstimmung ist es hier jedenfalls vorbei.
• Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 5. Oktober, dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Regelmäßige Führungen gibt es sonntags um 16 Uhr. Sonderführungen mit Kristina Thrien finden am 28. August und 25. September jeweils um 18 Uhr statt.
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