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Speakers‘ Corner auf dem Bankplatz

„Das Ende der Generikalüge“ Apotheker Jürgen Wolff ist gegen den Austausch von Generika.

Von Falk-Martin Drescher, 30.11.2011.


Braunschweig. Am morgigen Donnerstag (1. Dezember) lädt der Friedrich-Wilhelm-Viertel-Verein um 18 Uhr zu einer Speakers‘ Corner Premiere auf den Bankplatz ein. Das Thema: „Tödlicher Generika-Austausch?“. nB-Mitarbeiter Falk-Martin Drescher sprach vorab mit dem Inhaber der Post-Apotheke über die brisante Thematik.

? Herr Wolff, was sind Generika?

! Generika sind wirkstoffgleiche Arzneimittel. Nach Auslaufen des Patentschutzes für Arzneimittel werden erfolgreiche Wirkstoffe von vielen Herstellern kopiert, hergestellt und angeboten. Das führt zu einer deutlichen Absenkung der Preise, übrigens in der Regel auch bei den Originalpräparaten.

? Was haben Sie gegen Generika? Sind Generika „schlechter“ als die Originale?

! Ich habe gar nichts gegen Generika. Sie sind per se weder schlechter noch besser als Originalpräparate, aber sie sind nicht gleich. Jeder Hersteller verwendet andere Hilfsstoffe. Die Hilfsstoffe und das Herstellungsverfahren entscheiden darüber, wie viel des in den Tabletten oder Dragees enthaltenen Wirkstoffes bioverfügbar ist, das heißt tatsächlich ins Blut gelangt und damit zur Wirkung kommt. Per Gesetz dürfen Generika sich in ihrer Bioverfügbarkeit bis zu 50 Prozent unterscheiden. Deswegen ist es egal, mit welchem Generikum eine Therapie begonnen wird, es darf nur nicht während der Therapie gewechselt werden.

? Warum werden Generika ausgetauscht?

! Seit 2007 können Krankenkassen mit Generikaherstellern direkte Lieferverträge abschließen. In den Apotheken dürfen dann an den Versicherten der jeweiligen Krankenkassen nur noch die Präparate dieses Herstellers abgegeben werden, leider auch dann, wenn der Patient vorher ein anderes Präparat bekommen hat.

? Für wen ist das gefährlich?

! Das ist wegen der schon erwähnten gesetzlich zugelassenen Bioverfügbarkeitsschwankungen für alle Patienten gefährlich, die ihre Arzneimittel dauerhaft einnehmen müssen. Also ausgerechnet für alte, multimorbide chronisch kranke Menschen, die meist mehrere Arzneimittel regelmäßig einnehmen müssen und durch die häufigen Präparatewechsel zusätzlich sehr oft völlig überfordert sind.

? Übertreiben Sie nicht mit dem Titel „tödliche Generika“?

! Die moderne Pharmazie macht es heute möglich, stark wirksame Arzneimittel dosisgenau anzuwenden. Schwankt diese Dosis, weil der Hersteller gewechselt wird, dann ist es unmöglich, einen Patienten genau einzustellen. Es gibt mittlerweile genügend medizinische Fachliteratur, die vor Risiken eines Generikawechsels, beispielsweise bei blutverdünnenden Arzneimitteln, bei Schilddrüsenhormonen, bei Hormonen generell, bei Antiepileptika oder bei Psychopharmaka und vielen anderen Wirkstoffen warnen. Aus meiner Sicht erfüllt ein Generikawechsel zum Beispiel bei Antikoagulantien, blutverdünnenden Arzneimitteln, die bei Patienten angewandt werden mit erhöhtem Infarktrisiko, den Tatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung. Es gibt aber leider noch keine Kläger, da niemand auf die Idee käme, einen zu frühen Tod eines solchen Patienten auf den Wechsel seines Generikum zurückzuführen.

? Wie kommt es, dass sich im Friedrich-Wilhelm-Viertel neben ihrer Apotheke so viele Ärzte den Rabattverträge widersetzen?

! Solange Arztpraxen und Apotheken noch inhabergeführt und unabhängig sind, kann man sich auf den Mut zur eigenen Meinung verlassen. Das Friedrich-Wilhelm-Viertel zeichnet sich dadurch aus, dass hier ganz viele unabhängige Ärzte eigene Praxen führen und den Mut haben, sich dem Druck der Krankenkassen zu widersetzen. Bei uns kreuzen die Ärzte, wenn es nötig ist, „aut idem“ auf dem Rezept an, dann darf in der Apotheke nicht ausgetauscht werden. Wenn das „Aut-idem“-Kreuz fehlt, machen wir in meiner Apotheke pharmazeutische Bedenken geltend und tauschen dann nicht aus.
? Was wollen Sie mit Ihrer Aktion erreichen?

! Eine bundesweite Ächtung des Generikatausches in der Dauermedikation als vorsätzliche Körperverletzung und ein Ende der Generikalüge: Generika sind nicht gleich. Sie dürfen in einer Dauertherapie nicht einfach gewechselt werden.

? Was raten Sie Patienten mit Problemen beim Generikatausch?

! Leider werden die Nebenwirkungen beim Tausch von Generika von niemandem erfasst. Die behandelnden Ärzte erfahren überhaupt nicht, dass ihren Patienten die Arzneimittel getauscht worden sind. Ich kann nur raten: Reden Sie mit Ihrem Arzt. Er wird ein „Aut-idem“-Kreuz setzen. Oder gehen Sie in eine Apotheke, die den Mut hat, pharmazeutische Bedenken geltend zu machen.
Wir werden im Gesundheitsforum des Friedrich-Wilhelm-Viertels auf der Internetseite www.kultviertel.de eine Meldestelle für gesundheitliche Zwischenfälle beim Generikatausch einrichten, um den Politikern das Ausmaß der Schäden klar zu machen. Melden Sie es unserem Gesundheitsforum unter gesundheitsforum@kultviertel.de, damit wir uns für Sie stark machen können.

Service: Speakers‘ Corner
Teilen viele Menschen heutzutage ihre Meinung in Medien wie Blogs oder sozialen Netzwerken ihre Meinung mit, reaktiviert das Friedrich-Wilhelm-Viertel die klassische Form des „Speakers’ Corner“ (deutsch: „Ecke der Redner“). Im 18. Jahrhundert in London entstanden, zog es Redner, lediglich mit einer großen Kiste zum erhöhten Stehen bewaffnet, für einen Vortrag zu intellektuellen Themen auf öffentliche Plätze.
In regelmäßigen Abständen lädt das Kultviertel künftig zum öffentlichen Forum auf den Bankplatz. Ob Medienwelt, Gesundheit, Bank- und Bildungswesen oder Immobilienwirtschaft – alles, was die Menschen im Viertel beschäftigt, ist bei Speakers’ Corner angesagt. Die Individualunternehmer kommen zusammen, um eine Plattform zu schaffen, die die Nähe und Persönlichkeit in ihrem Lebensraum stärkt, lautet das Ziel.
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