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Songwriting aller Jahrzehnte

Jochen Distelmeyer kommt am 10. Mai in die Brunsviga. Foto: André Pause

Jochen Distelmeyer hat mit „Songs From The Bottom“ seine Lieblingslieder aufgenommen.

Von André Pause, 17.02.2016.

Braunschweig. Jochen Distelmeyer gehörte mit seiner Band Blumfeld in den 1990er Jahren zum Kern der sogenannten Hamburger Schule. Mit seinem soeben veröffentlichten Album „Songs From The Bottom, Vol. 1“ – das ausschließlich englischsprachige Coversongs enthält – geht der 48-Jährige von März bis Mai auf Tour. Am 10. Mai (20 Uhr) ist er in der Brunsviga zu erleben.

? Herr Distelmeyer, es war zu vernehmen, dass Ihnen die Idee zum Album während der Lesetour zu Ihrem Roman „Otis“ in den Sinn gekommen sei. Haben Sie da eher dem Wunsch der Fans entsprochen oder Ihrem eigenen?

! Es war tatsächlich nicht meine Idee, sondern die des Publikums. Ich war mehrere Wochen auf Lesereise, und nach jedem Abend kamen die Leute, fragten mich, welche Stücke ich da gespielt hätte. Die Idee habe ich mir dann zu eigen gemacht und übernommen. Nach der Tour bin ich ins Studio gegangen.

? Sie haben bei Konzerten immer mal wieder mit Versatzstücken fremder Songs experimentiert. Ich stelle mir aber vor, dass gerade jemand, der selbst sehr viele richtig gute Songs geschrieben hat, auch ein mulmiges Gefühl haben muss, beim Unterfangen Cover-Album, weil die fremden Songs einem doch eigentlich niemals so nahe kommen können, wie die eigenen. Ist das so?

! Nein, das kann man so nicht sehen. Ich mache da eigentlich keinen Unterschied zu meinen eigenen Stücken. Lieder wie „Just Like This Train“ oder „I Read A Lot“ und andere auf dem Album habe ich ausgewählt, weil sie mir sehr nahe gehen, oder nahe sind. In dem Moment, wo ich sie spiele, fühlen sie sich sowieso wie meine eigenen an. Bob Dylan hat mal gesagt: Man muss eigentlich keine eigenen Songs schreiben. Natürlich wird er den Teufel tun, aber dennoch hat er auf eine bestimmte Art und Weise recht.

? Also war die Arbeit an diesem Album gar nichts anders, obwohl Sie ausschließlich interpretiert haben?

! Der Unterschied war natürlich, dass die Songs schon fertig geschrieben waren. Der Arbeitsprozess, in den man quasi einsteigt, bevor man probt, ins Studio geht und so weiter, der ist bei diesem Album natürlich weggefallen. Diesen Tatbestand außen vor gelassen: In dem Moment, in dem man die Sachen spielt und sie dann aufnimmt, fühlt sich das an wie immer.


? Sie beackern mit Ihrem Album ein ziemlich weites Feld, spielen unter anderem Songs von Britney Spears, Radiohead und Kris Kristofferson. Hat es bei der Kompilation außer dem Umstand, dass es sich um Lieblingslieder Ihrerseits handelt, einen roten Faden gegeben, der für Außenstehende so erst mal nicht sicht- oder hörbar ist?

! Ich habe das nicht mit rotem Faden angelegt. Der hat sich für mich selbst erst nach den Aufnahmen ergeben, als es darum ging in welcher finalen Reihenfolge die Stücke auf der Platte sein sollen. Grundsätzlich sind es, klar, Lieblingslieder von mir. Mir ist aber auch aufgefallen, dass es eigentlich Songwriter oder Songwriting-Ansätze aller Jahrzehnte sind. Auch das war nicht beabsichtigt – ist aber so. Ich finde es schon interessant, wie sich heutzutage so ein Songwriting durchsetzt, wo mehrere Leute – gerne auch fünf oder sechs, wie im Falle von „I Could Be The One“ oder „Toxic“ – dabei sind, einen Song zu schreiben. Das hat es früher eigentlich eher in Nashville gegeben, was eine regelrechte Songwriting-Industrie war. Da verfolge ich natürlich mit meinen eigenen Arbeiten einen ganz anderen Ansatz.

? Könnte man sagen, dass Sie für jeden Song wie ein Schauspieler in eine bestimmte Rolle schlüpfen mussten?

! Nee-nee, nee-nee, das ist eine falsche Vorstellung. Ich bin kein Interpret, ich bin Sänger und Musiker. Einen Mann wie ... (überlegt) ... Robbie Williams nehme ich eher als Interpreten war. Das ist eine hohe Kunst, aber das was ich versuche, und andere Sänger auch, ist, die Lieder zu verkörpern. Das ist ein anderer Vorgang von Aneignung. Da schlüpft man nicht in Rollen, man versucht das zu sein.

? Okay, verkörpern. Gab es Songs, die Ihnen – aus welchem Grund auch immer – leichter oder schwerer gefallen sind als vorher gedacht?

! Nee, das fällt mir eigentlich alles leicht (lacht).

? Nun, einige Sachen haben Sie ja komplett umwidmen müssen. Aus dem Stampfer „I Could Be The One“, im Original von Avicii vs Nicky Romero, beispielsweise ist ein echter Schwelger geworden. Da ist die Veränderung richtig krass. Man könnte vermuten, dass die Arbeit in diesen Fällen vielleicht schwieriger war.

! Nee. Die Arbeit fängt nicht erst an, wenn man sich die Akkorde draufschafft, oder guckt, wie das Stück gesungen wird. Da ist für meine Begriffe der Großteil schon getan. So wie beim Songwriting die Arbeit nicht erst dann anfängt, wenn man das Stück als Text aufschreibt. Auch wenn sich die Interpretation von „I Could Be The One“ im Angang von Nick Lowes „I Read A Lot“ unterscheidet, und man den Eindruck hat das zweite Stück ist weitestgehend wie im Original, unterscheidet sich der Arbeitsaufwand nicht. Die Form der Einfühlung und des Verstehens, das, worum es bei dem Lied und dem was man daran gut findet, geht ... Okay, das ist jetzt alles ein bisschen ... (lacht).

? ... sehr theoretisch.

! Natürlich (lacht).

? Sie sagen „einfühlen“. Aber nehmen wir mal „Video Games“ von Lana Del Rey. Da haben wir ein junges Mädchen, was davon singt, dass es ihrem Typen gefallen möchte. Das ist doch für einen Mann Mitte bis Ende 40 dann unter Umständen nicht ganz so einfach?

! Doch, das ist total einfach! Weil Typen egal welchen Alters, genauso wie Frauen oder Mädchen egal welchen Alters, darum bemüht sind, Liebe und Anerkennung des geliebten Anderen zu erfahren. Egal, ob sie heterosexuell oder homosexuell orientiert sind, egal ob sie 20 oder 60 sind, egal ob Männlein oder Weiblein. Das ist das, was ich mit dem Song auch sagen wollte, mit der Tatsache, dass ich das als Mann singe. Da sind Veränderungen und trotzdem ist es vom Inhalt her dasselbe. Es ist wie „All For You“ (Janet Jackson) – ein Gefühl, das wir alle teilen. Auch wenn Lana Del Rey so ein 50er oder 60er Rollenklischee rekurriert: eine Mischung aus kleiner Sexbombe und Heimchen am Herd. Das Gefühl, das sie besingt, ist universell menschlich.

? Eine emanzipatorische Rolle rückwärts. Aber das Naive ist natürlich gespielt.

! Ja, und in diesem gespielten, ironisierten Blick auf die 50er und 60er Jahre liegt sozusagen ein Wahrheitskern. Das Lied antwortet – deshalb ist es ein so großer Hit geworden – auf bis jetzt noch immer schwelende Unklarheiten Männer- und Frauenbilder betreffend: diese Verunsicherung, die wir seit einigen Jahren wieder verstärkt erleben. Was ist noch mal Mann und Frau, wie geht das zusammen? Darauf hat dieses Lied, zu dem Zeitpunkt als es rauskam, ein – äh – attraktives Angebot machen können.

? Dieser relativ zeitlos aktuelle Kern der Songs zieht sich durch das ganze Album. Ein Stück wie Pete Seegers „Turn Turn Turn“ beispielsweise, der rund 50 Jahre alt ist, ist in seiner Friedensbewegtheit aktueller denn je.

! Ja, finde ich auch. Damit sind wir wieder bei der Frage: Was ist der rote Faden. Einer, der sich für mich erst später ergab, ist der, dass alle Lieder des Albums welche sind, die von unten kommen. Vom Grund des Herzens. Ich finde diese Stücke machen für mich in dieser Zusammenstellung Sinn, trotz der unterschiedlichen Jahrzehnte aus denen sie kommen. Die erzählen auch eine Geschichte, und sie handeln für mich alle von einem verbindlichen Zugang zur Welt.

? Vor diesem Hintergrund ist die Auswahl der Stücke sicher eine Mammutaufgabe?

! Die Auswahl solcher Stücke, ist Teil der Arbeit, die vorher stattfindet. Indem man relativ genau guckt: Wer oder was bin ich, und was geht draußen gerade ab. Wenn man sich darin eingeübt hat, ist dies eine relativ leichte Geste.

? Aber es sind doch bestimmt viel mehr Titel in der Auswahl gewesen, als die, die nun auf dem Album sind?

! Wenn die Frage darauf abzielte, ob es noch weitere „Songs From The Bottom“-Volumes geben wird, kann ich das auf jeden Fall bejahen. Nachdem wir die Platte aufgenommen hatten, habe ich mich gefragt, wie man das nennt. „Volume 1“ ist ja dann spitze. Damit habe ich eine Werkreihe eröffnet und kann immer, wenn mir danach ist, zehn Hip-Hop-Coverversionen oder irgendwas anderes aufnehmen.

? Wo wir schon beim Kapitel Ausblick sind: Wird es in absehbarer Zeit ein neues Album mit eigenen Songs geben?

! Ja, definitiv. Damit war ich schon beschäftigt während und nachdem ich auf der Lesereise war. Das aktuelle Album ist ja quasi durch die Anregung der Fans dazwischengekommen. Ich gehe noch mal auf Tour damit, bin aber jetzt eigentlich schon dabei, das nächste Album vorzubereiten.

? Sie kommen, was mich sehr freut, am 10. Mai für ein Konzert nach Braunschweig. Ohne alles zu verraten: Wie wird der Abend in etwa aussehen?

! Ich werde von meinem Pianisten Daniel Florey begleitet. Wir werden größtenteils Coverversionen spielen, auch Stücke, die nicht auf dem Album drauf sind. Aber dann auch einen Teil des Abends mit eigenem Material.

? Können Sie sich daran erinnern, schon einmal in Braunschweig gespielt zu haben? Ich kann es gerade nicht ...

! Hmm, ich habe in Braunschweig gespielt, bestimmt schon zweimal (lacht). Ich werde mich mal erkundigen, da können wir uns dann noch mal drüber unterhalten. Aber ich glaube ja.
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