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„Sind nicht das Festival zur WM“

Theaterformen in diesem Jahr mit afrikanischem Schwerpunkt „Presence of the Colonial Past“.

Von André Pause, 02.06.2010

Braunschweig. „Presence of the Colonial Past“ – „Die Gegenwart der kolonialen Vergangenheit“, heißt der Schwerpunkt des diesjährigen Theaterformen-Festivals, das von heute bis zum 12. Juni an verschiedenen Orten der Stadt über die Bühne geht. Vier Theaterarbeiten, eine Filmreihe und ein Themenwochenende widmen sich künstlerisch dem Verhältnis Europas zu seinen ehemaligen Kolonien in Afrika.

„Ich habe festgestellt, dass es in Deutschland immer noch einen sehr eigenartigen Blick auf den afrikanischen Kontinent gibt. Über manche Länder, zum Beispiel Marokko, weiß man noch einiges, aber auf das restliche Afrika ist die Sicht herablassend bis verklären“, erklärt Festivalleiterin Anja Dirks. Sie sei stolz, ein Programm präsentieren zu können, „bei dem das Gleichgewicht stimmt“.
Speziell für die Wiener Festwochen und die Theaterformen hat Brett Bailey mit „Exhibit A“ eine ortspezifische, theatrale Installation entwickelt. In seinem Stück geht es um den Völkermord an den Herero und Nama durch deutsche Kolonialisten in Namibia im Jahre 1904, dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Bailey greift dabei auf Völkerschauen und Ethnographischen Schaustellungen aus dem Europa Ende des 19. Jahrhunderts zurück. „Exhibit A“ kommt ohne Sprache und erhobenen Zeigefinger aus. Dirks: „Hier kann Theater etwas leisten, was weder TV-Dokus noch Geschichtsbücher erreichen können“. Das Stück ist eine Mischung aus Schocktherapie und musikalischer und visueller Ästhetik.
Vergleichsweise unterhaltsamen Stoff bietet das Stück „Mission“, was allerdings eher an der Vortragsweise als am Thema liegt. Ein belgischer Missionar erzählt in einem zwanglosen Vortrag von den fast 50 Jahren, die er im Kongo lebt. Sein beeindruckender Monolog wirft Fragen nach Moral und Verstrickungen des Einzelnen in einer widersprüchlichen, postkolonialen Welt auf den Punkt. Beeindruckend ist die Darbietung auch dadurch, dass Schauspieler Bruno Vanden Broecke, in Belgien ein echter Star, seine Rolle eigens für das Gastspiel in Braunschweig auf Deutsch gelernt hat.
Als Antwort auf „Mission“ kann das Stück „Schluss mit Bérénice“ gesehen werden. Faustin Linyekula inszeniert den französischen Klassiker – die Tragödie „Bérénice“ – unter neuen Vorzeichen. Er beleuchtet Tradition und Geschichte der Demokratischen Republik Kongo und hinterfragt zum Beispiel die sprachliche bedingte, kulturelle Dominanz des Nordens.
Der vierte Festivalbeitrag heißt „Influx Control“. Der südafrikanische Tänzer und Choreograf Boyzie Cekwana setzt sich in den Teilen eins und zwei seiner Trilogie – beide sind in Braunschweig zu sehen – mit den Auswirkungen von Apartheid und Kolonialismus auseinander.
Sieben der insgesamt elf Festivaltage stehen ganz im Zeichen afrikanischer Theaterkunst. Ein Zufall so kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft? „Afrika ist präsent, aber wir machen jetzt nicht das Festival zur Fußball-Weltmeisterschaft. Die Vergangenheit muss stärker in das Bewusstsein der Menschen. Europa muss sich einfach klar werden, welche Rechnung es mit Afrika noch offen hat“, sagt Anja Dirks. Informationen zum Festival gibt es im Internet: www.theaterformen.de.
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