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Setzkasten der Desillusionierung

Zauberin Jenny Jannowitz (Bea Brocks) sorgt bei IT-Experte Karlo Kollmer (Raphael Traub) für gute Laune. Foto: Volker Beinhorn

Michael Decars Parabel „Jenny Jannowitz“ in der Hausbar.

Von André Pause, 22.10.2014.

Braunschweig. Wären Tempo, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit Menschen, dann gölten sie in unserer beschleunigten Welt wohl als Säulenheilige. So richtig klar werden soll das mal wieder in Catja Baumanns Inszenierung von Michael Decars „Jenny Jannowitz“ für das Staatstheater Braunschweig.

Das Stück ist eine aufgedrehte und schrille Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse, oder, drastischer formuliert: Zustände, die dem Besucher beim Premierenaufguss in der kuscheligen Hausbar (bereits am 12. Juni war die Produktion bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen) temporeich um die Ohren weht.
Eigentlich alles um ihn herum hat nichts mehr mit seinem Leben zu tun, erkennt IT-Experte Karlo Kollmar desillusioniert. Wie ein Murmeltier hat er den Winter verratzt. Die Zeit jedoch ist nicht stehengeblieben. Seine Verbindungen zur Außenwelt haben durch die Abstinenz gelitten. Mit den zusehends schneller vonstattengehenden Veränderungen jedenfalls kann oder mag der immer hängeschultriger daherkommende Karlo (Raphael Traub) einfach nicht mehr mithalten. Während er im Grunde der gleiche bleibt, verändern sich die Menschen um ihn herum. Rika Weniger gibt die komplette Riege der Lebensgefährtinnen – von Sibylle bis Sabine, immer irgendwas mit S – ist mal gekränkte Rotznase, dann wieder die kulleräugig Verzückte. Andreas Bißmeier ist Karlos Chef, der Dr. Pappeldorn, Papenburg oder auch Partuschka heißt. Tobias Beyer bleibt zwar immer Karlos Kumpel Oliver, macht dafür aber im Laufe der 75 Stückminuten eine Metamorphose vom kiffenden Slacker zum anpassungswilligen wie schnöseligen Schmierlappen durch, während Martina Struppek als Mutter-Mutter yogapraktizierend und reisend den zweiten Frühling genießt. Karlo versteht nicht, was diese Leute von ihm wollen, er merkt sich auch die Namen seiner Chefs nicht, kann die Städte, in die er arbeitgeberseits versendet wird, nicht mehr unterscheiden. Für ihn sieht es überall gleich aus – sogar in Hannover. Einzige positive Konstante in seiner Welt ist die attraktive, etwas verhuschte Zauberin Jenny Jannowitz. Sie, die durchaus Karlos Fantasieprodukt sein könnte, läuft dem verirrten Langschläfer immer wieder mal über den Weg und bewahrt ihn am Ende vor dem Überfahrenwerden.
Bea Brocks Spiel ringt der titelgebenden Figur vor allem in den stillen Momenten menschliche Tiefe sowie einige geheimnisvolle Facetten ab. Überhaupt ist es die schauspielerische Leistung des Ensembles, die das Stück sehenswert macht. Die comichaften Überzeichnungen sind unterhaltsam, lenken davon ab, dass die Regie nur Klischees vergrößert. Nahtlos gehen die Szenen vor der setzkastenartigen Puppenstubenkulisse (Bühne und Ausstattung: Linda Johnke) ineinander über, überlagern sich. So ausgiebig Catja Baumann die hinlänglich bekannten, durchaus beklagenswerten Zustände im „Arbeitsmarkt-Lifestyle-Global-Land“ (Programmheft) aufs Korn nimmt, auf den Grund geht sie ihnen leider nicht.
Zu sehen ist „Jenny Jannowitz“ wieder am 3. und 11. November.
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