Anzeige

Scheitern mit Unterhaltungswert

Mitten im Gemetzel: die Reilles (Oliver Simon und Birte Leest) und die Houillés (Rika Weniger und Götz von Ooyen, v.l.). Foto: Volker Beinhorn
Braunschweig: Staatstheater |

Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ feierte Premiere im Kleinen Haus.

Von André Pause, 08.12.2015.

Braunschweig. Fünf Jahre habe man gebraucht, um zu erkennen, dass „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza eigentlich doch ein toller Stoff für die Theaterbühne sei, erfahren die Besucher von Staatstheater-Generalintendant Joachim Klement bei der obligatorischen Premierenfeier zum Stück. Froh sei man, mit Juliane Kann dann auch noch die passende Regisseurin für das Kammerspiel ausgemacht zu haben.

Uff! Man tut sich ein bisschen schwer mit der Erklärung zum Braunschweiger „Time Lag“. Zum einen wurde Rezas Stück nach der Züricher Uraufführung (2006) in den vergangenen Jahren auch auf deutschen Bühnen rauf- und runtergespielt, zudem 2011 – immerhin von Roman Polánski – verfilmt. Hinzu kommt, dass die Hauptlast für das Gelingen des Stofftransfers fürs Theater im Falle dieser Produktion wohl sehr viel mehr auf den Schultern des spielenden Personals lastet als auf denen der schwer zu findenden Regisseurin. Das Ensemble jedenfalls ist – wie jetzt im Kleinen Haus des Staatstheaters – dauerpräsent, spielt ohne Rückzug auf engstem Raum der schlichten Guckkastenbühne.

Rezas durch Selbstironie, bisweilen sogar Selbstekel geprägter Blick auf das von Abstiegsängsten sich heimgesucht fühlende Bürgertum zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. So liefert die Autorin mit Hilfe ihrer Protagonisten immer wieder Milieu-Betrachtungen, über die man gerne lacht. Der Erfolg des „Gemetzels“ dürfte nicht zuletzt dem boulevardesken Charme des Textes geschuldet sein. Die Dialoge sind knapp, kommen schnell auf den Punkt. Das ist auch bei Juliane Kanns Inszenierung so.

Das wohlsituierte Ehepaar Véronique und Michel Houillé (Rika Weniger und Götz von Ooyen) lädt das augenscheinlich noch besser situierte Ehepaar Annette und Alain Reille (Birte Leest und Oliver Simon) ein, um höchst zivilisiert über eine blutige Schulhofprügelei ihrer elfjährigen Söhne Bruno – der Houillé-Filius verlor durch einen Schlag mit dem Ast zwei Schneidezähne – und Ferdinand zu sprechen. Die Zusammenkunft, im Geiste der Versöhnung begonnen, gerät alsbald außer Kontrolle, und es kommt gewissermaßen zur Wiederholung der Tat. Denn: die Erwachsenen bekommen es einfach nicht hin, finden keinen Umgang und noch weniger eine Lösung.

Stattdessen kommt es sukzessive zu fast baugleichen Gewaltausbrüchen auf der Elternebene. Für das Aufbrechen der bröckeligen Fassade aus Anstand und Vernunft, das Scheitern des gesitteten Konflikts, werden, was im Grunde nicht nottut, die sich schon im Outfit des Ensembles widerspiegelnden Klischees verstärkt: In Wärme verströmender gelber Kleidung sind die vermeintlich geerdeten Charaktere ’Autorin‘ und ’hart arbeitender Metallwarenhändler‘ zu sehen, in Blau die ’berechnende Vermögensberaterin‘ und ihr ’böser, kalter Yuppie-Anwalt‘. Das Spiel von Birte Leest und vor allem Oliver Simon erscheint unter dem Strich eine Nuance zu exaltiert. Als wolle man zeigen: Seht her, diese beiden sind noch dreister am Nichtverstehen, ergo noch zynischer als die anderen beiden. Was ein wenig verwirrt, verwischen die Grenzen zwischen Opfer und Täter auf der Suche nach Bestätigung der jeweils eigenen Position doch ebenso, wie die Solidarität zwischen den Eheleuten im Alkoholgenuss sprichwörtlich baden geht.
Dummheit und Engstirnigkeit in der Sache stehen der Clafoutis servierenden, Kokoschka-Kataloge hortenden intellektuellen Autorin am Ende ebenso schlecht zu Gesicht, wie dem ignoranten und zynischen Rechtsverdreher, darum sollte es gehen – letztlich. Das Braunschweiger „Gemetzel“ begnügt sich mit dem zügig abspulenden Debakel, berauscht sich eher am Unterhaltungswert des Scheiterns an sich. Klar, amüsant ist das natürlich trotzdem. Langer Applaus.
Weitere Informationen und Termine unter staatstheater-braunschweig.de.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.