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Saufgelage unter Zyperns Sonne

Durchwachsene Premiere: „Othello“-Inszenierung von Jonas Corell Petersen im Kleinen Haus.

Von André Pause, 21.03.2012.

Braunschweig. Zur halbgaren, zeitweilig sogar etwas zähen Angelegenheit geriet die Premiere von Shakespeares „Othello“ in der Inszenierung des Fast Forward-Preisträgers Jonas Corell Petersen im Kleinen Haus des Staatstheaters.

Über seine zahlreichen szenischen Kniffe und Regieeinfälle hinaus vernachlässigt der Däne die Personenführung. Wesentliche Aspekte des Stoffes kommen zudem zu kurz, Nebensächliches wird vergrößert und verlängert.
Aber der Reihe nach: Petersen lässt das Stück mit einer Pressekonferenz in Venedig beginnen. Mattias Schamberger als schmieriger Herzog und Leutnant Cassio (Oliver Simon), Othellos Nummer Zwei, erklären den Zypern-Feldzug. Worauf sich das venezianische Heer auf den Weg macht. Und da mit Musik bekanntlich alles bessergeht, spielen die Mannen zum großen Auftritt ihres Generals Othello harte Rockrhythmen. Im Kleinen Haus ist die Titelfigur ein Rockstar mit Mega-Afro, beigefarbener Lederjacke und Sonnenbrille, der zur Mucke tönt: „I’m a real man.“ Yeah, so selbstbewusst, da kann ja nichts schiefgehen.
Der Sieg über die Türken braucht dann aber gar nicht errungen werden, weil deren Schiffe kentern. Das muss gefeiert werden, und zwar ausgiebig: Nach einem Bad unter zypriotischer Sonne folgt ein Besäufnis, bei dem Jago (Sven Hönig), die intrigante Nummer Drei, den jungen Roderigo (David Kosel) und Cassio zu Trinkspielen animiert, um bei diesem jene Unbeherrschtheit zu provozieren, die Othello zur Neubesetzung seiner Substitutsstelle zwingt. Hier blickt der Zuschauer, weil es nach hohem Anfangstempo exessbedingt nicht mehr vorangeht, das erste Mal ungeduldig auf die Uhr – oder verlässt, wie es einige Besucher tun, einfach den Saal.
Und während die Ladies Desdemona (Louisa von Spies) und Emilia (Rika Weniger) leichtbekleidet im Pool planschend philosophieren, ob es Frauen gibt, die ihre Männer betrügen, kommen Fragen auf. In der Charakterzeichnung Shakespeares ist Othello aufgrund der schwarzen Hautfarbe eine Kontrastfigur, die für herausragende militärische Fähigkeiten zwar geschätzt, als Mitglied der Gesellschaft dagegen keineswegs akzeptiert wird. Warum also scheint Petersens Kravitz-Othello über weite Strecken nur ein Problem zu haben: die vermeintliche Treuelosigkeit seiner Frau Desdemona sowie den damit einhergehenden Zerfall seines zunächst grenzenlosen Selbstbewusstseins? Wieso greifen die Akteure zwischendurch wieder und wieder zu ihren Instrumenten, wo man doch eigentlich mal ausspielen könnte? Die an und für sich aufwühlende Szene der Erdrosselung Desdemonas wird geradezu zur Kurzschlusshandlung. Eben noch war Othello Eifersucht völlig fremd, dann dreht er der Frau, die er doch eigentlich liebt, ratzfatz den Hals um – da passt doch etwas nicht. Die Antwort weiß wohl nicht einmal Jago, der neue zweite Mann, der aus einem Tonstudio seine Intrigen steuert.
Schade, dass dramaturgisch so viel ins Leere läuft, denn die Schauspielerriege müht sich redlich, und szenographisch ist das Stück eine Wonne: Farbe und Licht könnten kaum atmosphärischer sein, und die Bühnen- und Kostümgestaltung (Sigurður Óli Pálmason) ist großartig. Reger Beifall für alle.
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