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Religiöser Enthusiasmus und Rote Bete

Philipp der Gute (Hans-Werner Leupelt) bedroht Johanne (Lisa Schwindling). (Foto: Volker Beinhorn)

Regisseur Stephan Rottkamp inszeniert Schillers „Jungfrau von Orleans“ im Kleinen Haus des Staatstheaters recht trashig

Von André Pause, 25.05.2016

Braunschweig. Wie perfide die Auswirkungen von Macht- und Herrschaftsstrukturen doch sein können: Regisseur Stephan Rottkamp zeigt unter anderem dies mit seiner Inszenierung von Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ für das Staatstheater Braunschweig im Kleinen Haus.

Eben noch hat die religiös erleuchtete Gotteskriegerin Jeanne d‘Arc das französische Heer siegreich nach Orléans und Reims geführt, dem Thronfolger Karl VII. durch ihren Kampfgeist zum Platz an der Sonne – sprich auf den Königsstuhl – verholfen, was ihr den Nimbus einer Heiligen einbringt, da folgt auch schon das Zurückgeworfensein vom Jungfräuleinwunder auf die Existenz des gerade mal 17-jährigen Mädchens Johanna. Das verliebt sich blöderweise in den Feind.
Was bei Normallicht betrachtet als sehr normale Angelegenheit erscheinen und durchgehen mag, ist mit dem strengen Maßstab einer heiligen Jungfrau gemessen, freilich mehr als eine Spur zu irdisch. Lange Rede, kurzer Sinn: Dieses zwiespältige Ereignis führt nicht nur bei der Betroffenen selbst zu schwersten inneren Konflikten, es lässt auch die Wegbegleiter von ihr abrücken. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

Rottkamps Inszenierung betont das Schicksal der solitär im Mittelpunkt des hundertjährigen Kriegsgeschehens stehenden Johanna. Vor allem im zweiten Teil des 160-minütigen Theaterabends. Da hadert sie – allein, verstoßen und in größter mentaler Unwucht mit ihrer Zerrissenheit, ihrer ausweglosen Situation. Sehr passend: Lisa Schwindling gibt die religiöse Enthusiastin Johanna, ihre erste Hauptrolle in Braunschweig, kraftvoll oszillierend zwischen fast burschikosem Krieg-Geil-Gebrüll und blutendem Herzen.

Apropos Blut. Das wird auf der ‚Bühne ohne alles‘ symbolisch gleich eimerweise vergossen. Wer nicht wusste, wie Rote Bete riecht, weiß es spätestens nach dieser Produktion. Überhaupt lappt Rottkamps traditionell recht martialische Regiehandschrift an diesem Abend ein ums andere Mal ins Aberwitzig-Absurde. MASH und Klimbim lassen grüßen, wenn der vergeistigt wirkende König in spe das „Heidenröslein“ auf den Lippen eine Ratte entkernt, um sich vor den Augen seiner Offiziere mit dem Fell einen abzureiben oder Oliver Simon und Sven Hönig als Graf Dunois und Offizier Du Chatel in Herzblatt-Manier um Johannas Liebe werben. Dass der Abend bei aller Unterhaltung die romantische Tragödie als Gattung nicht aus den Augen verliert, dürfen sich sowohl der Regisseur als auch das mit viel Gefühl für den Moment agierende Ensemble auf die Fahnen schreiben.
Der Premierenapplaus ist freundlich, vereinzelte Bravo-Rufe gibt es für Lisa Schwindling.

Am heutigen Mittwoch sowie am 23. und 25. Juni ist das Stück wieder zu sehen. Infos unter staatstheater-braunschweig.de.
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