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Reichlich Konfetti zur Aufklärung

Bleibst! Du! hier!: Minna von Barnhelm (Ursula Hobmair) möchte doch die Zukunft mit Major von Tellheim (Philipp Grimm). (Foto: Volker Beinhorn)

Ausgesprochen launige Braunschweig-Premiere der „Minna von Barnhelm“ im Kleinen Haus

Von André Pause, 06.02.2015.

Braunschweig. Ein Freud'scher Versprecher von Generalintendant Joachim Klement bei der obligatorischen Vorstellung aller am Stück Beteiligten nach der Braunschweig-Premiere von Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“ brachte die Stoßrichtung des Abends im Kleinen Haus wunderbar auf den Punkt.
In Gedanken wohl schon bei Bühnen- und Kostümbildnerin Barbara Steiner angelangt begrüßte er in seiner Dankesrede zunächst den Regisseur Michael Talke. Der wurde kurzerhand zu Michael Steiner, was beim Großteil der Anwesenden die Erinnerung an den vor Jahren verstorbenen komödiantischen Volksschauspieler Peter Steiner hervorrief. Am Ende war dies freilich nur einer von vielen Lachern.

Zuvor nämlich machte Talkes Inszenierung das Lustspiel der deutschen Aufklärung glatt noch ein Stück komischer als der Besucher es erwarten konnte.

Den in Ableitungen bis heute bestehenden Konflikt zwischen Ehre und Liebe bringt der Regisseur in Braunschweig mittels stilistischer Melange aus Stummfilm, Slapstick und Komödie auf die Bühne. Dabei emanzipiert er die Frauenrollen, während er die männlichen Parts im Gestern belässt. Die eigentlich eher unfrische Sicht der Dinge des im Siebenjährigen Krieg materiell, physisch und psychisch beschädigten Majors von Tellheim, der feste wie machismogetriebene Glaube an das Prinzip Zwangsernährer wird hier von der Verlobten Minna von Barnhelm hämisch verlacht, und mit Affen-Imitation belegt. Unterstrichen wird die Umkehrung des Geschlechterverhältnisses im Stück auch optisch. Vor allem frisurentechnisch liegen die screwballmäßig aufdrehenden Ursula Hobmair als Minna und Birte Leest als deren Kammerfrau Franziska weit vorne. Zufall oder nicht: Franziskas Schopf gemahnt an die Hochhausfrisur von Marge Simpson, Minna sieht obenrum aus wie die weibliche Variante von Krusty der Clown.

Beinahe bedächtig und sehr differenziert baut Philipp Grimm derweil das Spannungsfeld zwischen depressiv gefärbter Verzweiflung und moralischem Stolz. Er verschließt alle Türen hinter sich, und verriegelt sich selbst auf engem Raum. Der düstere Einstieg ins Stück ist gleichzeitig das in Tellheim angestoßene Kopfkino. Ein Plakat mit der Szene des Goya-Motives „El sueño de la razón produce monstruos“ (Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer) wird dabei zur Trennwand zwischen bösen Träumen und Person. Doch die kriegen ihn – zu heftigen Pianoklängen: „Erfolg, Tellheim, Macht, Tellheim, Status, Tellheim.“ Allein: Der Major ist weit weg von all dem. Vom König zu unrecht wegen Bestechlichkeit bezichtigt und auch finanziell in prekärer Lage, weist er alle Hilfsangebote ab. Selbst sein Freund und Wachtmeister Paul Werner, den Andreas Vögeler als selbstbewussten Naturburschen gibt, kommt diesbezüglich nicht mehr an ihn heran. Seinen Diener Just, mit Hang zur Schrulle gespielt von Oliver Simon, hat Tellheim schon vorher verabschiedet.

Im Schlussakkord der fast dreistündigen Produktion mit Happy End dreht das Ensemble dann richtig auf. Die List der Minna – die, nachdem sich Tellheim hartnäckig geweigert hat, ihr Liebeswerben zu erhören, plötzlich selbst vorgibt, die Verlobung lösen zu wollen – wird regelrecht zelebriert. Durch den Wirt des Gasthauses (Sven Hönig) ist die junge Frau in den Besitz von Tellheims Verlobungsring gelangt. Den hatte Diener Just zuvor für seinen desillusionierten Herrn an ihn versetzen lassen, um Kost und Logis zu erstatten. „Dieeesen Ring!“ jubelt Minna nun Tellheim als den ihren unter.

Auch wenn das finale Liebes-Hin-und-Her auf der Kippe zum Drama samt seiner Dialoge etwas zu sehr im Orkan aus Luftschlangen, Konfetti sowie der weinseligen Jetzt-ist-alles-egal-Attitüde von Kammerfrau Franziska unterzugehen, droht: Insgesamt gelingt Michael Talke eine ausgesprochen kurzweilige und launige Interpretation des Lessing-Klassikers. Der Beifall ist kräftig und langanhaltend.
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