Anzeige

„Raabe war ein Querkopf“

nB-Gespräch mit Katja Müller-Lange, die gestern mit dem Raabe-Preis ausgezeichnet worden ist

Von Sebastian Walther

Braunschweig. Sebastian Walther sprach mit der Berliner Autorin Katja Müller-Lange, die gestern mit dem Wilhelm-Raabe-Preis für ihren Roman „Böse Schafe“ geehrt wurde, über die Teilung Deutschlands, den Anspruch ihres Buches und ostdeutsches Würzfleisch.

?Lesereise, Preisverleihungen – Sie reisen viel im Moment. Kommen Sie da zum Schreiben?

!Nein, und das geht allen Schriftstellern so. Wenn etwas anderes behauptet wird, ist das Legende, Gerücht.

?Immer wieder ist zu lesen, Sie seien eine Satirikerin. Sind Sie es?

!Das kann man so nicht sagen, ich bin in erster Linie Schriftstellerin. Manchmal schreibe ich Texte, die komische Elemente enthalten.

?Ihr Hang zum Humor hatte allerdings auch mit ihrem Schulverweis wegen unsozialistischem Verhalten zu tun?

! Ich kann ganz gut Tonfälle, Stimmen, Dialekte imitieren. Und das habe ich damals mit einem hohen Politiker auch getan, und eine Mitschülerin hat mich verpetzt. Dafür sollte ich vor der gesamten Schule Selbstkritik üben, was ich nicht getan habe. Das hatte Konsequenzen für den Rest meines Lebens. Das fing vielleicht komisch an, endete aber nicht halb so komisch.

?In den 1980er Jahren sind Sie dann nach West-Berlin ausgereist, haben sich ihre Erwartungen von damals erfüllt?

!Ich hatte gar keine Hoffnung und auch keine Vorstellung, wo ich hinkomme. Auf der Stadtkarte war West-Berlin eine grau-schraffierte Fläche. Außer Fernsehbildern hatte man gar keine Ahnung, was einen erwartet. Man ging weg, weil man es nicht mehr aushielt. Man ging nicht, um anzukommen, sondern um wegzukommen.

? In „Böse Schafe“, das kurz vor dem Mauerfall in Berlin spielt, finden sich einige Parallelen zu Ihrem Leben. Wie autobiographisch ist es?

! Das ist zu einfach, Literatur ist nicht nacherzähltes Leben. Dieses Buch ist nur insofern in meinen Erfahrungen geerdet, als dass es eine Zeit beschreibt, die auch in meinem Leben eine große Rolle gespielt hat. Es ist ein frühhistorisches Buch, das etwas beschreibt, das gerade 20 Jahre her, aber trotzdem für die meisten dermaßen vergangen ist, dass man versuchen muss, mit allen stilistischen, konzentrativen, auch emotionalen Mitteln diese Atmosphäre von damals zu rekonstruieren.

? Die Heldin ist wie Sie gelernte Schriftsetzerin. Wie kam es zu dieser Berufswahl?

! Ich war von der Schule geflogen und Linkshänderin. Außer Schriftsetzerin wäre vielleicht noch Kranführerin oder Werkzeugmacherin möglich gewesen, es war nicht so, dass man sich seinen Beruf aus einem breiten Angebot aussuchen konnte.

? Wie halten Sie es mit dem Wilhelm Raabe-Preis?

! Das ist ein klassischer Literatur-Preis, der mir angenehm ist, weil ich Wilhelm Raabe schon früh gelesen habe. Er war ein Querkopf, ein Freigeist, unangepasster Bursche, das, was ein Schriftsteller sein muss. Er war jemand, dessen Hauptdarsteller immer die Sprache selbst gewesen ist, ein extrem trainierter Stilist. Ich kann das alles nicht, was er konnte.

? Ist Ihnen etwas Gutes aus der DDR in Erinnerung geblieben?

! Natürlich – das Würzfleisch schmeckte. Und dass die Akkordeons billiger waren, ich habe mir gerade eines gekauft und weiß, wovon ich rede. Sebastian Walther
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.