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Prinzip Auflösung – Gepresste Yacht stellt Recherchekunst in den Schatten

Arbeiten von Susanne Kriemann und Fernando Sánchez Castillo im Kunstverein Braunschweig.

Von André Pause, 27.06.2012.

Braunschweig. Das Prinzip der Auflösung verbinde Teile von Susanne Kriemanns „Cold Time“ im Haus Salve Hospes mit Fernando Sánchez Castillos „Guernica Syndrome“ in der Remise, meint Kunstverein-Direktorin Hilke Wagner.

Bis zum 26. August sind beide, in ihrer Wirkung letztlich doch grundverschiedenen Ausstellungen am Lessingplatz zu sehen. Die in Berlin und Rotterdam lebende Kriemann verfolgt einen rechercheorientierten Ansatz. Ihr Ausgangspunkt ist fast immer das Archiv. Vorhandenes Material wird entweder direkt genutzt oder dient als Vorlage, um die Grundidee analogisch weiterzuführen.
So stellt sie im Werkkomplex „A silent crazy jungle under glass“ Aufnahmen der Luftkorridore des ehemals deutsch-deutschen Grenzgebietes eigene Bilder gegenüber. In einem Genter Archiv häuft sie Dokumente zu einem felsartigen Block. Eine Gesteinsaufnahme des Fotografen Alfred Renger-Patzsch wiederum verlängert sie zu einer fünfteiligen Serie. Für die Arbeiten zu „Ashes and a broken brickwork of a logical theory“ ist die Künstlerin schließlich auf den Spuren Agatha Christies gewandelt, die ihren Ehemann, den Archäologen Max Mallowan einst zu Ausgrabungen ins Zweistromland begleitete. Eigene Bilder von Schauplätzen in Syrien und im Nordirak bringt Kriemann in einen Dialog mit historischen Aufnahmen. Mit dieser Vergegenwärtigung der sich verändernden politischen Landkarte schließt sich der Kreis zum ersten Teil der Ausstellung.
Die von Kriemann dargestellten subtilen Assoziationsgeflechte wirken eher still, wurden streckenweise sogar an die jeweilige Umgebung des Raumes angepasst. Fernando Sánchez Castillos Installation „Guernica Syndrom“ erscheint dafür umso unmittelbarer und präsenter. Vielleicht ist es hart das zu sagen, aber in diesem Fall stellt die Remise das Salve Hospes beinahe zu sehr in den Schatten.
Der spanische Künstler ließ die Freizeityacht des einstigen Diktators Francisco Franco – nachdem sich ein Hotelbetreiber erfolglos an der Zweitverwertung des Schiffes als Touristenattraktion und Pilgerstätte versuchte – zerlegen, und gestaltete eine aus 40 gepressten Metallquadern bestehende Skulptur.
Am Kunstmuseum angekommen mussten die schweren Brocken durch die Fenster in die Remise gehievt werden. Nun steht der beeindruckende Metallblock, der einmal die „Azor“ war im Raum. „Nur der Motor und der Bug sind nicht mit verarbeitet worden“, erzählt Castillo, während ein Film dokumentarisch die einzelnen Schritte der Demontage beziehungsweise Umformung durch rumänische Arbeiter verdeutlicht. In Spanien hat seine Arbeit unlängst für heftige Diskussionen gesorgt, wohl ein Beleg dafür, dass sich die langen Schatten Francos bis heute auf Land und Bevölkerung ausdehnen. Die trotz aller Wucht unwirklich erscheinende Skulptur jedenfalls evoziert symbolmächtig Parallelen zwischen der Geschichte des Schiffes und der heimgegangenen Diktatur. Weitere Informationen unter www.kunstverein-bs.de.
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