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Premiere im Kleinen Haus: Wie Fakten zum Mythos werden

Stimmungsvolle Recherchegespräche im Archiv: Hans-Werner Leupelt, Oliver Simon, Mattias Schamberger und Ursula Hobmair (v.l.). Foto: Volker Beinhorn (Foto: Foto: Volker Beinhorn)

Mina Salehpour inszeniert Jonas Hassen Khemiris „Apathisch für Anfänger“ im Kleinen Haus.

Von André Pause, 14.09.2013.
Na, geht da etwa was? Die deutschsprachige Erstaufführung von Jonas Hassen Khemiris „Apathisch für Anfänger“ im Kleinen Haus beginnt vielversprechend. Intro-Informationen zum Plot gibt es schriftlich via projiziert getippter Notiz auf die stählerne Bühnenraumverriegelung.

Als diese verschwindet, erscheint ein Aktenschrank, so hoch und massig wie die Eigernordwand. Eine gelungene Metapher für die Auswüchse von Bürokratie, Schubladendenken oder das Archiv als geschlossener stetig wachsender Raum – je nachdem.
Rein stofflich dreht es sich im Stück um eine ernste Sache, eine wahre Begebenheit dazu. Mitte der Nullerjahre hörten in Schweden reihenweise Flüchtlingskinder auf zu essen und zu trinken, verloren den Kontakt zur Außenwelt und verfielen in Apathie. Eine Protestbewegung versuchte die Politik zu überzeugen, die kranken Kinder im Land zu lassen. Stattdessen wurden sie abgeschoben, ohne dass in der öffentlichen Debatte – Simulation oder posttraumatisches Stresssymptom? – abschließend geklärt worden wäre, was genau geschah.
Im Staatstheater inszeniert Mina Salehpour – nominiert für den diesjährigen Faustpreis in der Kategorie Regie Kinder- und Jugendtheater – die späte Wahrheitssuche eines Ermittlers (Mattias Schamberger), der sich, ein weiteres Mal schöne Bildsprache, von oben abseilt: in die Tiefen des Archivs, in die nebulöse Vergangenheit. Orientierungshilfe bitte!
Die könnte, auch was das Spiel anbelangt, nicht schaden. Jedes Ensemblemitglied besetzt in „Apathisch für Anfänger“ gleich eine Handvoll Rollen, was die Personenführung wie schon bei Salehpours letzter Braunschweiger Produktion „Montecore“ gelinde gesagt unübersichtlich erscheinen lässt. Hans-Werner Leupelt, Oliver Simon, Ursula Hobmair und Rika Weniger spielen Klassenkameraden, Lehrer, Psychologen, Demonstranten, Sachbearbeiterinnen des Asylverfahrens, Ministerinnen oder die Stimme im Kopf: Dieses Stück ist ein veritables Gewusel. Sieben Szenen, ein narratives Wollknäuel mit mehr als zwei losen Enden und vielen offenen Fragen. Die vielleicht drängendste: Worum geht es hier eigentlich? Um offenen oder verdeckten Rassismus, um die Kinder als Opfer? „Natürlich geht es in dem Stück um Opfer. Aber hauptsächlich geht es darum, wie sich Gerüchte verbreiten oder wie Fakten in einer Gesellschaft zum Mythos werden“, wird die Regisseurin im Programmheft zitiert.
Aha, Veränderung historischer Fakten in einer medialen Verwertungskette, Manipulation, da läuft der Hase also längs. In den 90 Stückminuten geht das etwas unter, vielleicht auch, weil ein ganzes Füllhorn an Albernheiten der sensiblen Thematik den Raum nimmt. Das ist etwas schade. Nichtsdestotrotz ist der Premierenapplaus ausdauernd und freundlich.
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