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Pauls Wege sind unergründlich

Paul (Florian Battermann, l.) hofft darauf, seine Freundin Sophie (Jasmin Wagner) zur Aufkündigung der Beziehung bewegen zu können, indem er Freund Martin (Sebastian Teichner) bei sich einziehen lässt. Foto: imagemoove/ oh
Braunschweig: Komödie am Altstadtmarkt |

Hochunterhaltsame Premiere von „Trennung für Feiglinge“ in der Komödie am Altstadtmarkt.

Von André Pause, 14.10.2015.

Braunschweig. „Ich kann sie nicht mehr ertragen, einfach nicht mehr ertragen, alles kotzt mich an“, so beginnt die in fragwürdigen Hasstiraden mündende Invektive, die Paul seinem Freund Martin geradezu hinrotzt, um diesem den Stand seiner Beziehung zu Partnerin Sophie zu verdeutlichen, mit der er vor gerade einmal vier Monaten ins gemeinsame Heim gezogen ist. Nun will er die eben noch begehrte Dame – das scheint felsenfest zu stehen – unbedingt wieder loswerden.

Nicht nur Gottes Wege sind unergründlich. Wenn das von Jan Bodinus inszenierte Stück nach Vorlage von Clément Michel bei seiner Premiere in der Komödie am Altstadtmarkt eine Frage offenlässt, dann diese: warum?
Sophie hat, das stellt sich rasch heraus, ein palastgroßes Herz, ist charmant und ausgesprochen hübsch. Mehr ist beim besten Willen nicht zu wollen. Doch Paul, der nicht den Mut aufbringt, sich Sophie mitsamt seinem Zweifel an der Partnerschaft zu offenbaren, hat sich entschieden: für einen – pardon – völlig bescheuerten Plan. Freund Martin soll einziehen und mit flegelhaftem Benehmen Sophie so lange zur Weißglut bringen, bis diese getreu dem Motto „er oder ich“ schon irgendwann von ganz allein das Weite sucht.
Als ob das nicht schon blöde und feige genug wäre, begründet Paul den plötzlichen Zuzug Martins, mit dessen vermeintlich bei einem bösen Verkehrsunfall verunglückten Mutter und entsprechender Hilfe bei der Trauerarbeit.
Dass der Hausgast so gar nichts vom makaberen Vorwand weiß, führt schnell zu beißend komischen Missverständnissen. Und auch sonst ist Martin als Provokateur denkbar ungeeignet: gutmütig und in sich ruhend, im positiven Sinne perfektionistisch veranlagt, führt der Crashkurs „Ekelpaket“ durch den Gastgeber zu skurrilen Ergebnissen. Welche Wendungen die sich anbahnende Ménage-à-trois im Anschluss nimmt, weil im Grunde alle drei Beteiligten die Feigheit für sich gepachtet haben, ist hochunterhaltsam. Wohin der Weg führt? Auf den Boden der Tatsachen natürlich!
„Trennung für Feiglinge“ hat trotz einiger Verhaspler bei der Premiere das Zeug zum Kultstück. Es passt, wie man sagt, in eine Zeit, in der der bequeme Weg des geringsten Widerstands auch im zwischenmenschlichen Bereich nur allzu gerne gewählt wird. Hier stimmt eigentlich alles: Jan Bodinus Erzählduktus kommt angenehm unaufgeregt daher, und die Darsteller bringen ihre Rollen ziemlich genau auf den Punkt. Der Zuschauer nimmt Florian Battermann den Beziehungsneurotiker ebenso ab wie der tollen Jasmin Wagner das verständnisvolle Herzchen und dem überragenden Sebastian Teichner die Metamorphose vom verstockten Opfer zum Beinaheprofiteur der Dreiecks-Veranstaltung. Die Zuschauer in der Altstadtmarktkomödie spenden freundlichen Applaus, der ruhig kräftiger hätte ausfallen dürfen.
Weitere Infos: www.komoedie-am-altstadtmarkt.de.
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