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Oper im Kino: Glamour statt Popcorn

Sterben auf der Leinwand: Rund 100 Besucher verfolgten Wagners Tannhäuser aus Bayreuth. Foto: Susanne Hübner
 
Andrea Schrader (l.) und Gabi Platscher waren schon öfter zu Opernübertragungen im Kino – meist aus der MET. Foto: Susanne Hübner

Liveübertragungen sind derzeit der Renner: Ein Besuch von Richard Wagners „Tannhäuser“ live im C1 Cinema.

15. August 2014. Von Birgit Leute.

Braunschweig. Nach vier Stunden werden neben mir die Brote ausgepackt: Richard Wagner macht hungrig. Oper im Kino – das ist eine Mischung aus gedämpfter Eleganz und gemütlicher Picknickatmosphäre. Ein etwas anderer „Tannhäuser“.

16 Uhr im C1: Im Foyer wimmelt es von Kids und Teens, die sich in die neuesten Blockbuster drängen. Vor den Popcornständen wird sich noch schnell mit Essbarem eingedeckt. Nur ein paar Herren im Anzug machen klar: Heute wird noch etwas anderes gezeigt als Planet der Affen in 3D.

Tatsächlich bricht kurz vor Kino 2 das Popcornknirschen unter den Schuhen ab. Der Teppich ist frisch gesaugt, eine Handvoll Stehtische sind weiß gedeckt, Kerzen flackern. Auf dem Programm: Richard Wagners „Tannhäuser“ – live aus Bayreuth. Rund hundert Musikbegeisterte haben sich zusammengefunden. Die meisten über 50, die meisten erfahrene Operngänger, die Damen mit Rock, die Herren mit Krawatte oder Tuch.

Schon das Wort „Bayreuth“ lockt. Natürlich ist das C1 nicht das altehrwürdige Festspielhaus. Und natürlich fehlt ein bisschen der Glamour aus teuren Roben und großen Namen. Aber: „Wer kann sich schon eine Eintrittskarte von 300 Euro leisten“, bringt es Besucherin Andrea Schrader auf den Punkt.

Knapp 30 Euro kostet hier die Karte. Dafür kann man zwar nicht auf Tuchfühlung zu den Sängern gehen und es fehlt der Blick aufs Orchester. Aber die Kameras fangen Tannhäusers Leid aus jedem Blickwinkel ein und die gewaltige Musik Richard Wagners sorgt auch noch auf dem letzten Logenplatz für Gänsehaut. Schon bei der zweiten Arie hat jeder vergessen, dass er im Kino sitzt, nach fünf Stunden möchte man nur eins: wie das Bayreuth-Publikum aufspringen und jubeln.

Sebastian Baumgartens aktuelle Tannhäuser-Inszenierung ist umstritten. Auch das Pausenprogramm – exklusiv fürs Kinopublikum mit Hintergrund-Interviews gespickt – hilft nicht weiter. Den Venusberg versetzt Baumgarten in einen Bordellkäfig, die Wartburg in eine Biogasanlage. Dazu füllen Video-Geflimmer und Zitat-Fetzen gnadenlos jede Gesangspause aus. Irgendwann sind die Nerven überreizt und es hilft nur eins: Die Augen schließen und einfach die grandiosen Stimmen von Torsten Kerl (Tannhäuser), Markus Eiche (Wolfram von Eschenbach) Camilla Nylund (Elisabeth), Michelle Breedt (Venus) und Kwangchul Youn (Landgraf) genießen.

„Ehrlich: Wir sind jahrelang nach Bayreuth gefahren, doch das, was in den vergangenen Jahren inszeniert wird, kann man sich nicht mehr ansehen,“ schimpft Karsten Eggeling. Der Gifhorner ist Mitglied der Richard-Wagner-Gesellschaft und mit seiner Frau gekommen – „nicht wegen der Inszenierung, sondern der Musik“, betont er. Andere nehmen es mit Humor: Als beim bombastischen Schlussakkord lebensgroße Gummi-Einzeller den toten Tannhäuser und die auferstandene Elisabeth umtanzen, gluckst es neben mir ... Egal: „Ich wollte schon immer mal eine Oper im Kino sehen“, sagt Jutta Eckstein. „Heute hat es geklappt und ich muss sagen: Ich bin beeindruckt.“

Die nächste Liveübertragung findet am 11. Oktober statt. Dann gibt es Giuseppe Verdis Macbeth aus der Metropolitan Opera in New York.
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