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Ökonomie der Aufmerksamkeit

Henrietta Horns Choreographie „Auftaucher“ von 2001 lässt sich heute als humorige Persiflage auf die Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie lesen. Fotos: Bettina Stöß

Henrietta Horns zeitlos aktuelles Tanzstück „Auftaucher“ feierte furiose Premiere im Kleinen Haus.

Von André Pause, 10.05.2016.

Braunschweig. Der Mensch – wo ist sein Ursprung, was macht ihn aus, was treibt ihn an? Die Tanzsparte des Staatstheaters Braunschweig widmet sich aktuell mit einem Doppelabend wesentlichen Fragen der Aufklärung: „Auftaucher“, dem titelgebenden Stück des Abends von Henrietta Horn wurde bei seiner Premiere in Braunschweig Tiago Manquinhos Uraufführung von „Am sechsten Tag ...“ vorangestellt.

Die Ansätze der Arbeiten könnten unterschiedlicher nicht sein. Zunächst lotet Hauschoreograph Manquinho in Fabel-Manier den humanen Status Quo aus. Da wird der menschliche Körper zur wiegenden Pflanze im Sturm, die Gruppenszenen erinnern wahlweise an Fischschwärme oder das Zusammenziehen und Öffnen des Schirmes als Form der Fortbewegung bei Quallen. Insgesamt jedoch bleibt Genesis sechster Tag – trotz einiger nachwirkender Bilder: beispielsweise Nao Tokuhashis solitäre Entstehungsdokumentation gleich zu Beginn – an diesem Abend zu lückenhaft, zu vage, mehr Jacques-Yves Cousteau als Jean-Jacques Rousseau.

Dem Menschen wesentlich näher kommt nach der Pause die Choreographie von Henrietta Horn. Ihr „Auftaucher“ von 2001 wirkt heute paradoxerweise aktueller als im Jahr Eins nach dem Millennium. In der Wartehalle des Lebens verteilen sich die 14 Tänzerinnen und Tänzer. Wessel Oostrum gibt rasselnd und Fuß stampfend den Takt vor – und erntet Bewunderung. Nach und nach entspinnt sich eine auf den ersten Blick fröhliche Zeremonie. Die anderen rasseln trittbrettfahrermäßig mit. Jeder versucht geschäftig Akzente zu setzen, was durch tänzerische Vokabularerweiterung (zum Beispiel Tango) betont wird. Die nur scheinbar ausgelassene Party mündet im Hahnenkampf, der die Umherstehenden so lange spaltet, bis es einen Gewinner gibt. Dann heißt es „Follow the leader“. Und genau dort liegt der Hase im Pfeffer: Horns Produktion lässt sich aus heutiger Sicht auch prima als bittersüße, humorige Persiflage einer Gesellschaft verstehen, die zunehmend nach den kirre machenden Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert: Wer hat die meisten und treuesten Freunde oder Follower, wer erntet die meisten Likes, wer umwirbt wen mit welchem Erfolg und so weiter. Horn spiegelt in ihrer Produktion mit manuellen Mitteln Fragwürdigkeiten digitaler Trends. Schlicht und ergreifend: stark.

Der Tanzabend des Staatstheaters feiert am heutigen Mittwoch Premiere im Lessingtheater Wolfenbüttel und ist danach am 14., 26. und 29. Mai im Kleinen Haus zu sehen. Weitere Infos unter staatstheater-braunschweig.de.
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