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Neue Songperlen statt alter Hits

Da Bob Dylan bei seinem Konzert keine Fotografen zuließ, hatten wir unsere Leser nach einer künstlerischen Lösung des Bildproblems gefragt. Dieses Foto zeigt ein Porträt, dass Rüdiger Franz vom Sänger angefertigt hat. Foto: Rüdiger Franz
Braunschweig: Volkswagen-Halle |

90 Minuten plus Zugaben: Bob Dylan und seine fünfköpfige Band überzeugen in der VW-Halle.

Von André Pause, 17.10.2015.

Braunschweig. „How does it feeeel“, singt ein Straßenmusiker den prägnanten ersten Teil des Refrains von Bob Dylans Meilenstein „Like a Rolling Stone“ und schlägt die Gitarre. Er hat sich vor dem Haupteingang zur VW-Halle aufgebaut, in der der Schöpfer des Songs in wenigen Minuten konzertieren wird. Er versucht, den nicht eben geringen Geldbetrag für eine Eintrittskarte zusammenzuspielen, setzt dabei verständlicherweise auf die Gassenhauer von Bob dem Songbaumeister und liegt – die Spenden haben in vielen Fällen Banknotenformat – gut im Rennen.


Beim Meister selbst erlebt das Publikum, etwa 5500 Besucher, in den folgenden 100 Minuten (inklusive Zugaben) einen perfekt getimten Abend, ein im Sound glasklares Konzert und einen putzmunteren 74-jährigen Mann, der sich mit seiner fünfköpfigen Band zu vieler Fans Freude nicht als sein eigener Nachlassverwalter präsentiert, sondern sich verstärkt auf neueres Material, sprich auf sein letztes reguläres Album „Tempest“ (2012) sowie die in diesem Jahr erschienene Sinatra-Homage „Shadows In The Night“ kapriziert.
Die bekannten Hits sprudeln daher nicht unbedingt zahlreich. Doch Bob Dylan – Bühnenoutfit: schwarzer Anzug, weißer Schal und Hut – kann es sich leisten, auf die eine oder andere sattsam bekannte, vielleicht sogar abgedudelte, Nummer zu verzichten, verfügt er doch über einen schier unerschöpflichen Backkatalog. Songperlen wie das rockabillyeske „Duquesne Whistle“ knarzt Dylan so unwiderstehlich, dass es einem ans Herz geht.
Im Konzert wird noch deutlicher als auf Platte, dass der Mann ein Flaneur ist, der sich zwischen den Stilen Blues, Chanson, Folk, Jazz und Swing spielend leicht hin- und herzubewegen versteht. Viele Songs sind ein Füllhorn der Melancholie. Beim Sinatra-Cover „Autumn Leaves“ beispielsweise ist der Vergänglichkeitsschmerz zum Greifen nah. Dann wieder gibt er den coolen Crooner oder aber präsentiert sich, wie beim wohl bekanntesten Stück im ersten Konzertabschnitt, „Tangled up in Blue“, beinahe provozierend breitbeinig. Besagten Song würzt er, bevor er seine Stimmlage in höchste Höhen reißt, mit einem ausgedehnten Harmonica-Solo. Szenenapplaus. Pause.
In Hälfte zwei geht es fröhlich weiter mit dem Bäumchen-wechsle-dich. Mal stampft Dylan mit seiner Band wüstenrockig drauf los, nur um im sanften „Why Tray To Change Me“ wieder auf den Boden und zur bitteren Erkenntnis zu gelangen: I was always your clown. Am Ende kredenzt der Star seinen Fans zwei Zugaben. Das liederbucherprobte „Blowin‘ In The Wind“ präsentieren die Musiker im 6/8- statt im 4/4-Takt als quasi völlig neuen Song, und „Sick Of Love“ fungiert als Rausschmeißer. Das passt.
Nach dem Konzert strömen die Menschen ins Freie und bekommen sogar noch einen Nachschlag. Der Straßenmusiker ist wieder da, schnell umringt von einer wahren Menschentraube. Wer die Hits vermisst hat, kriegt sie hier doch noch: „Knockin‘ On Heavens Door“ oder „It‘s All Over Now, Baby Blue“. Hach, was ein schöner Abend, so insgesamt gesehen jetzt.
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