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Mit dem „Heinrich“ durch die Löwenstadt

Ein Stück Verkehrsgeschichte an historischer Stätte: Der „Heinrich“ auf dem Altstadtmarkt.
 
Der Schaffnersitz (rechts im Bild) erinnert an die Zeit, als Entwertungskästen noch Science-Fiction waren. Fotos (3): Matthies

Die nB ging an Bord des Anderthalbdeckers, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert – Der Oldtimerbus fährt samstags und sonntags.

Von Christoph Matthies, 25.07.2015.

Braunschweig. „Baby, you can drive my car!“ Es fällt leicht, sich vorzustellen, dass der stolze Busfahrer damals, im Jahr 1965, den flotten Beatles-Song auf den Lippen hatte, als er gut gelaunt seine Fahrgäste chauffierte. Eindruck schinden konnte er mit seinem neuen Büssing Senator ganz sicher. In diesem Jahr wird der Oldtimer 50 Jahre alt – und die kostenlosen Jubiläumsfahrten der Braunschweiger Verkehrs-GmbH wurden gut angenommen. Auch die nB ließ es sich nicht entgehen, an einer historischen Stadtrundfahrt teilzunehmen.

Heute ist der Elektro-Linienbus „Emil“ das Aushängeschild der Braunschweiger Verkehrs-GmbH. Vor einem halben Jahrhundert war das Flaggschiff der Busflotte ein echter Braunschweiger. Na gut, nicht ganz: Der Aufbau des Anderthalbdeckers der Büssing AG, eines Braunschweiger Unternehmens, erfolgte in Essen. Zunächst fuhr er durch das Ruhrgebiet, ehe er in den Siebzigern in Salzgitter und zwischen Braunschweig und Salzgitter verkehrte.

Mit 44 Personen ist der Bus fast voll besetzt, als er am Bohlweg auf die Stadtrundfahrt aufbricht. Gästeführer Reiner Feuge weiß viel über den Omnibus-Klassiker und seinen Erbauer, den Kraftfahrzeugpionier Heinrich Büssing, zu berichten. Dass er sich mit der Löwenstadt und ihrer Geschichte bestens auskennt, erklärt sich von selbst – da können selbst alteingesessene Braunschweiger noch eine ganze Menge lernen.

Beispielsweise, dass es im mittelalterlichen Braunschweig nicht nur fünf Rathäuser, sondern auch 500 Brauereien gab. Rund 300 davon produzierten dieses ganz spezielle, braune Gebräu, das irgendwann in Vergessenheit geriet, heutzutage aber wieder zur Stadt gehört wie der Burglöwe und die Eintracht. „Columbus wäre nie in Amerika angekommen, wenn er nicht ein Fässchen Braunschweiger Mumme an Bord gehabt hätte“, bringt Feuge die Bedeutung des klebrigen Malztrunks für die christliche Seefahrt humorvoll auf den Punkt.

Heißes Oberdeck


Vom Bohlweg am Rathaus vorbei führt die Tour durch die Neustadt, die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben fast komplett zerstört wurde. „Die Angriffe hatten auch mit den Büssing-Werken zu tun“, erinnert der Gästeführer an das dunkelste Kapitel des Konzerns, der für die Rüstungsproduktion der Nazis eine wichtige Bedeutung hatte.
Der „Heinrich“, zwanzig Jahre nach Kriegsende gebaut, bleibt während der rund 90-minütigen Fahrt beruhigend friedlich. Durch die Breite Straße, das einstige Patrizierviertel, geht es – vorbei am gerade für Fußballfans nicht unbedeutenden Martino-Katharineum – weiter zum Altstadtmarkt, wo eine kleine Pause eingelegt wird, um sich die Beine zu vertreten. Das kommt gut, denn gerade auf dem Oberdeck kennt die Hitze kein Erbarmen. Klimaanlage in einem 50 Jahre alten Bus? Natürlich Fehlanzeige. Wenig später geht es am Alten Bahnhof vorbei, dort, wo heute die Landessparkasse sitzt. Wieder überrascht Stadtkenner Feuge mit einem erstaunlichen Detail. Es war 1838, als hier auf der Strecke nach Wolfenbüttel die erste staatliche Eisenbahnlinie Deutschlands ihren Betrieb aufnahm. Optisch schlägt das alte Bahnhofsgebäude sein modernes Pendant um Längen.

„Sozialvilla“ Rimpau

Fahrten mit dem Omnibus liefen in den sechziger Jahren noch etwas anders ab. Außer dem Busfahrer war ein Schaffner an Bord, der Fahrkarten verkaufte und kontrollierte und einen eigenen, kanzelartigen Sitz besaß. Bis zu 152 Personen durften im Senator mitfahren. Das klingt nach bedrückender Enge und Schwerstarbeit für den gerade einmal 150 PS starken Unterflurmotor, der sich zur Wartung seitlich ausschwenken lässt.

„Auf der linken Seite sehen Sie sozialen Wohnungsbau“, kommentiert der Gästeführer spitzfindig, als wir die Villa Rimpau passieren, dem einstigen „Adolf-Hitler-Haus“, das sich heute im Besitz des Modeunternehmers Friedrich Knapp befindet. Mindestens ebenso geschichtsträchtig sind die ehemaligen Büssing-Werke und das Schloss Richmond, die nächsten Stationen unserer Fahrt durch die Löwenstadt. Die letzte Pause legt der Fahrer am alten Güterbahnhof ein. Hier, am neuen Tramdepot der Braunschweiger Verkehrs-GmbH, trifft Vergangenheit auf Zukunft und Innovation. Und siehe da, drei nagelneue und designpreisgekrönte Tramino-Stadtbahnen liegen auf der faulen Haut, während der alte „Heinrich“ nicht nur hart arbeitet, sondern auch noch verdammt gut aussieht.

Auf dem Rückweg geht es vorbei am Krematorium. Gegenüber lag einst ein kleines Stadion, in dem die Eintracht ihre Heimspiele absolvierte. Die ehemals prächtige Flaniermeile Jasperallee, der Berliner Allee „Unter den Linden“ nachempfunden, führt direkt auf Deutschlands zweitältestes Theater zu. Bei seiner Gründung 1690 befand es sich allerdings noch am Hagenmarkt, ehe ein Brand den Umzug einleitete.
Als „Heinrich“ wieder am Bohlweg hält, gibt es viel Applaus für Fahrer und Gästeführer – und auch für das stolze Fahrzeug mit dem runden Geburtstag. Davon kann „Elektro-Emil“ nur träumen.



Der Heinrich


In rund 20 000 Arbeitsstunden wurde der Anderthalbdecker vom Typ Büssing Senator restauriert. Heute unternimmt der Omnibus-Oldie von April bis Oktober samstags und sonntags Stadtrundfahrten, auch für Sonderfahrten kann der rüstige „Best-Ager“ gebucht werden. Infos zum „Heinrich“ und der Reservierung finden Sie online unter: braunschweig.de/stadtfuehrungen .
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3 Kommentare
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Horst Schmid aus Braunschweig - Innenstadt | 24.07.2015 | 18:39  
Christoph Matthies aus Braunschweig - Innenstadt | 28.07.2015 | 15:04  
790
Horst Schmid aus Braunschweig - Innenstadt | 03.08.2015 | 18:34  
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