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Menschenhandel für Billigfleisch

Mirca Preißler ist die böse Hexe im Stück „Hansel und Greta“ im LOT. Foto: oh

„Hansel und Greta“ im LOT erspielt Zusammenhänge von Grundproblemen der Globalisierung.

Von André Pause, 23. Januar 2015.

Braunschweig. Wenn Fleischereifachverkäuferinnen Kunden fragen, ob es noch ein bisschen mehr sein darf, ist davon auszugehen, dass sie ihnen etwas Gutes tun wollen.

Nehmen Theaterkollektive wie jetzt unitedOFFproductions im LOT-Theater mit „Hansel und Greta – Ein europäisches Leiharbeitsmärchen“ (für Jugendliche ab zwölf Jahre und Erwachsene) den kompletten Tierrechtspart mit in ein Stück, das sich vordergründig mit dem Thema Arbeitsmigration beschäftigt, ist das besagte bisschen mehr erst einmal irritierend und wirft die Frage auf, ob es der Sache nicht dienlich gewesen wäre, stringenter beim eigentlichen Thema (gibt es überhaupt das eine?) zu bleiben. Zumal der Plot bildlich, wie spielerisch auch noch verwoben ist mit dem Märchen „Hänsel und Gretel“.

Die Antwort ist ein klares – Jein! Auch wenn die Gefahr der Überfrachtung latent besteht, und Thema zwo mit zunehmender Stückdauer bisweilen wirkt wie ein Streckmittel, unterm Strich hat Regisseur Dieter Krockauer die düsteren Zusammenhänge von Globalisierungsproblemen schlüssig inszeniert.
Der Abend beginnt mit allerhand Fragen. Ein Reporter konfrontiert die Pressesprecherin der Firma Meat Europe mit Ungereimtheiten, die Hansel und Greta in ihrem Blog öffentlich gemacht haben. Es geht um unmenschliche Arbeitsbedingungen und Tierquälerei in besagter Firma. Doch die Frau, die im stückimmanenten Gleichnis bald zur dämonischen Hexe werden soll, windet sich aalglatt in Werbesprech. Nach einer Fragerunde mit ehemaligen Leidensgenossen der Titelhelden, die den ganzen Wahnsinn aufdecken, wird rückgeblendet: Hansel und Greta sind noch nicht die investigativ agierenden Helden, sondern der junge Mann aus Iasi in Rumänien und die junge Frau aus der Nähe von Thessaloniki in Griechenland.

Beide stecken in schablonenhaften Mutter-Kind-Gesprächen, die sich um das Geldverdienen fernab der wirtschaftlichen Not in den Heimatländern ranken und die schließlich in jenem Kanon enden, der die Alternativlosigkeit der Arbeitsmigration verdeutlicht.

Flott wird der Aufbruch der beiden jungen Menschen gespielt, sehr plakativ – der jungen Zielgruppe des Stückes angemessen – dubiose Figuren, denen beide auf ihrem Weg begegnen. Der gelackte Prollschnösel Boris und Selfmadeverbrecher Bogdan, samt skrupelloser Schlepperbande, kommen aufgrund ihrer breitbeinig gespielten Attitüde allerdings beinahe noch zu positiv weg.
Schön gelingt der Produktion dann die Vermittlung vom Weichen aller Hoffnung, dass in der neuen Heimat alles besser würde. Um deutlich zu machen, dass der Kampf um niedrige Schlachtpreise vor allem auf dem Rücken der de facto völlig entrechteten Arbeiter geführt wird, und dass es wenig Widerwärtigeres gibt als den industriellen Schlachtungsprozess, dafür hätte es der mehrfach in Blöcken eingestreuten Faktenhuberei jedoch gar nicht bedurft. Wenn Schauspielerin Mirca Preißler bei schauriger E-Gitarren-Untermalung als dämonisch böse Hexe ihren Mitarbeitern (Ensemble: Lidia Cangiano, Alexandru Cirneala, Eneko Sanz, Athena Tsantekidou und Carsten Wilhelmim) im blutverschmierten Unterhemd als peitscheschwingende Sklaventreiberin entgegentritt oder mit dem Megafon Befehle um die Ohren haut, bringt dies das Grauen des Status quo ungleich mehr zur Geltung als empört runtergebetete Statistik. Die projizierten, effektsicheren Schlachthaus-Bilder tun ihr Übriges.

Die im LOT am Ende des Stückes gerappte Essenz lautet: Wir müssen raus aus dem Hexenwald der Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten. Hansel und Greta haben vorgemacht, wie es gehen kann.
Weitere Termine und Informationen zum Stück finden Sie unter www.unitedoffproductions.de und www.lot-theater.de.
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